Welcome to India

Indien ist nicht freundlich zu Neuankömmlingen, warnt Suketu Mehta in seinem Buch Bombay: Maximum City. Es gibt einfach zuviel was sie nicht wissen. Begonnen bei schlagfertigen Sandwichverkäufern im Indira Gandhi Airport, die einfach erfragt haben, was denn ein Flughafensandwich in Europa kostet und dann einfach zehn Euro von den leicht schockierten und beklommenen Weißen einstecken, kann Indien ein Kampf für den Unkundigen sein.

Heute hat sich vieles verändert, denn Information fließt leichter und schneller, aber meinen ersten Besuch in Indien in 2003 werde ich in guter Erinnerung behalten.

„Welcome to India“ – ein Kopf schob sich unerwarteter Weise von unten ins Fenster meines Taxis, als ob der Besitzer besagten Kopfes vor dem Wagen am Boden gekauert hatte. Er öffnete mir die Tür und wartete darauf, dass eines meiner Gepäckstücke in Griffweite kam und er es sich über die Schulter schwingen konnte.

Ich war misstrauisch. Es war mein erster Besuch in Delhi. Ich war damals zweiundzwanzig und dachte ich kenne asiatische Verhältnisse von Aufenthalten in Thailand und Malaysien, aber nichts kann einen auf Indien wirklich vorbereiten.

Mein Taxifahrer vermied meinen Blick. Er war schuldbewusst. Zwanzig Minuten zuvor hatte er versucht mich zusammen mit einem Con-Artist, einem Betrüger, in das falsche Hotel zu locken, das ihm und seinem Komplizen ein paar Rupien an Provision anbot, Gäste von außerhalb (und das schließt Inder ebenso ein wie ratlose Europäer) in ihr Hotel zu lotsen. Provisionshaie sind überall in Asien zu finden, aber in Delhi machen sie das ganz unverschämt. Am Flughafen wird das Taxi zwar zumindest nominell von der Polizei kontrolliert, aber so hält der Fahrer einfach an einem Ort knapp nach dem Flughafen, wo eine Gruppe an Männer steht und auf diese Taxis wartet. Kurzerhand springt dann einer von ihnen in das Taxi und beginnt eine Konversation mit dem Neuankömmling. Im Falle von Westlern, die meistens ohnehin bereits in ihrem Reiseführer blättern und verzweifelt nach Tipps suchen, wie man mit so einer Situation denn kulturgemäß fertig werden soll, fällt das nicht schwer. Er sagt er will helfen oder er will sich den Reiseführer ansehen und wenn er dann den Namen des Hotels aus einem herausbekommen hat, dann verzieht er das Gesicht, setzt eine nachdenklich oder abschätzige Miene auf.

„Nein, nein, das Hotel gibt es schon lange nicht mehr.“ „Dort ist alles voll.“ „Das ist letzte Woche abgebrannt.“

Aber kein Problem, er hat eine Lösung. Aufs Stichwort kurvt das Taxi in einen der schäbigeren Bezirke von Delhi. Durch kleine Gassen, vorbei an Schlaglöchern und Schutthaufen. Selbst in der Nacht sind die Strassen belebt. Weigekleidete Gestalten schimmern in den Scheinwerfern auf und verschwinden als Schemen im Dunkel. Die Augen von Kühen oder Hunden strahlen einem aus Sackgassen und leeren Torbögen entgegen. Menschen stehen und starren, scheinbar unbeweglich, am Punkt festgemacht und nur mit Neugierde versehen. Das Taxi holpert weiter und bleibt schließlich vor einer Tür stehen. Ein großes, unbeleuchtetes Schild darüber ist schwer zu entziffern, aber man macht die Worte Hotel oder Lodge oder Guest House aus. Drinnen, hinter der Theke warten schon die Besitzer, auf ihren Gesichtern das vage überlegene Lächeln von Menschen, die sich sicher sind jemanden schon erfolgreich betrogen  zu haben. Nein, das ist nicht das Hotel dass Sie suchen, lieber Gast. Aber wir sind besser. Geben Sie mir einmal die Nummer, bitte.

Der Mann am Check-In Schalter schnappt sich den Reiseführer und als er bemerkt, dass ich ihn genau beobachte hält er sogar seine Hand so, dass ich die Zahlenscheibe des Telefons nicht erkennen kann. Ich kann mir ein Augenrollen kaum verkneifen, denke aber dass das Ganze am Schnellsten vorbei geht, wenn ich mitspiele und sie ins Leere laufen lasse.

Er drückt mir den Hörer in die Hand. Das Guest House in dem ich ein Zimmer bestellt habe und zu dem mich der Taxifahrer eigentlich hätte bringen sollen, das wird von einem tibetischen Paar betrieben aber die Stimme, die sich meldet ist deutlich indisch. Ich frage nach Thupten, dem Namen des Mannes mit dem ich E-Mails ausgetauscht habe. Er habe aufgehört hier zu arbeiten und überhaupt kenne der Mann am anderen Ende der Leitung keinen Thupten aber ich spreche sicher mit dem richtigen Hotel.

Jetzt reißt mir der Geduldsfaden. Ich stelle mir vor, der Mann mit dem ich spreche sitzt irgendwo im nächsten Raum und das selbstgefällige Lächeln auf den Gesichtern um mich wird mir zu blöd. Zuerst fahre ich den Mann über Telefon an, dann den Mann, der mich hergelotst hat. Ich will das idiotische Spiel nur zu Ende bringen, aber der Ärger überkommt mich. Hände werden entschuldigend gehoben, Blicke zu Boden gesenkt. Man führt mich fast freundlich wieder hinaus und zurück in das Taxi, bietet mir eine Zigarette an und das Taxi holpert weiter, diesmal nur mit mir und dem Fahrer. Immer noch zornig, rede ich so lange auf den Fahrer ein, bis er mich bittet doch endlich aufzuhören mit ihm zu schimpfen.

Ich lehne mich zurück, aber der Ärger, angefacht durch die Spannung in einem fremden Land zu sein und die Müdigkeit von einem langen Flug, legt sich nur langsam. Fast wäre ich den Mann, der mich freundlich willkommen heißt und nun meinen großen Rucksack in mein ursprünglich reserviertes Hotel schleppt genauso angefahren.

„Welcome to India.“

Keine Gruppenreisen, kein Luxushotel, keine gemieteten Wägen. Ich reise alleine, bloß mit einem Rucksack und neugierig auf die Welt. Ich reise in klapprigen Bussen, vollgestopften Zügen, Rikshas, schlafe in oft winzigen Räumen. Ich lebe von Tag zu Tag auf den Reisen, weit weg von jeglichem Alltag. Erschöpfend, begeisternd, manchmal gefährlich und immer interessant.

Advertisements

Ein Barcamp und der Beginn mehrerer Reisen

Ein Barcamp war schuld. Frisch zurückgekehrt vom wunderbaren IndiaCamp, das Stefan Mey (http://www.stefanmey.com) und Wolfgang Bergthaler (http://www.indische-wirtschaft.de) organisiert und reibungslos durch den Tag gesteuert haben, war ich plötzlich überzeugt, dass auch ein deutschsprachiger Blog über Indien (und Reisen auf der ganzen Welt, Geschichte und Politik, Soziologie, unbekannte Filme und was weiß ich noch…aber doch einmal hauptsächlich Indien) den einen oder anderen interessierten Leser finden könnte.

Beim IndiaCamp tat ich, was ich gerne tue. Zuhören, beobachten, Menschen begegnen, die den anderen ein immenses Verständnis und große Neugier entgegenbrachten und auch zeigten, dass sie die Gegenwart des Anderen schätzten und genossen. Interessante Sessions, 45-minütige Vorträge über alle Dinge in und um Indien (Interkulturelle Herausforderungen, Produkte für einen Markt mit anderen finanziellen Voraussetzungen, Cricket, Tibeter in Indien, anglophile Nawabs, neue Persönlichkeiten im indischen Sozialgefüge und vieles mehr).

Ich hatte auch eine Gelegenheit, einen Teil meiner Fotostrecken über Nordindien und den Westhimalaya zu präsentieren. Jahrelange Beschäftigung, insgesamt neun Monate Reise und ein Jahr Recherche stecken in diesen Vorträgen, mit denen ich derzeit durch Niederösterreich (hoffentlich auch bald Wien) reise, in der Hoffnung Menschen ein Indien jenseits der Medienbilder und auch jenseits von touristischen Klischees bieten zu können. Das Leben ist zu divers um sich in eine Schublade (sei die nun mit Wirtschaft, Politik, Kunst oder was auch immer beschriftet) stecken zu lassen und kaum ein Land spiegelt die Vielfalt von Menschenleben und Dasein auf unserer Welt besser wieder als der Subkontinent.

Ich möchte mit diesem ersten Eintrag einmal den Leuten danken, die ich auf diesem Camp treffen durfte und die mir gezeigt haben, dass ich mit meiner Faszination für dieses Land nicht alleine dastehe (ich lebe derzeit in einem kleinen Ort in Niederösterreich und Faszination mit “seltsamen” Dingen wie der anderen Seite von Grenzen ist hier zumeist ein sehr einsames Geschäft) und dass “Interkulturelles” mehr als ein politischer Begriff sein kann.

Ich hoffe in den nächsten Wochen mehr über meine Reisen, Vorträge und Erfahrungen über diesen Blog teilen zu können – und auch so vielleicht weitere Menschen zu treffen, die verstehen, dass die Welt ein großer, unendlich interessanter Ort ist, den man jede Sekunde seines Daseins erkunden und schätzen sollte.

Zum Abschluss noch ein kleiner Teaser, was für Bilder einen hier erwarten können – diese kommen aus dem Himalaya.

Noch einmal, danke an alle IndiaCamp Veranstalter und Teilnehmer,

Sebastian Buchner.