Sightseeing mit Dealer Teil 3

Teil 1

Teil 2

 

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

 

Zuerst allerdings sehe ich eine dunklere Seite meines Guides. Er scheint das alles ernst zu nehmen, sich tatsächlich für einen Künstler zu halten und so verfällt er für die nächsten fünf Minuten in eine bitterlich schwarze Depression. Irgendwann schaffe ich es ihn mit teilnahmvollem Nicken zu überzeugen, dass die Leute schlußendlich sein Genie entdecken werden und dass es (vor allem dort draußen) Licht und Freude gibt und wir machen uns endlich auf den Weg.

Seine wiedergefundene Fantasie beweist er dann dadurch, dass er mich auf eine Tour durch alle Läden seiner Freunde nehmen will…ich überlege mir schon ernsthaft, ihn einfach dort stehen zu lassen, aber diese offensichtliche Zerbrechlichkeit fasziniert mich. Er bemerkt meinen Unwillen und schlägt vor, dass wir eine Art Deal eingehen – er wird mich nicht belästigen irgendetwas zu kaufen und seinen Freunden sagen, dass ich nur fotografieren will und immerhin kann ich dann ein paar Verbindungen machen – vielleicht will ich ja irgendwann einmal einen Teppich oder ein Musikinstrument und dann weiß ich schon wohin ich gehen muss.

Also, fein, wir machen uns also daran die Läden abzuklappern. Der erste verkauft Musikinstrumente und sitzt entspannt und mit einer Gitarre im Schoß auf einem Polster inmitten von hunderten hölzernen Instrumenten. Er spielt aber nicht. Ein anderer Mann, sein Bruder, sitzt neben ihm und stimmt eine Trommel. Die beiden sprechen Englisch. Sie haben den Laden schon seit zwei Generationen und ja, das Geschäft läuft so so, inshallah wird alles gut. Er ist deutlich zu entspannt um sich in irgendeiner Weise darum zu kümmern, was ich von ihm will oder sich eine interessante Geschichte zu überlegen, also bedanke ich mich, mache ein Foto und weiter geht es.

Der nächste ist ein junger, energischer Mann, der uns mit einem engagierten Lachen empfängt. Um ganz ehrlich zu sein, ich habe vergessen, was er verkauft hat…irgendwelches Holzwerk, glaube ich, aber er schien mehr an sich selbst als an seiner Ware interessiert und posierte begeistert für ein oder zwei Fotos. Als Teil des Plans meines Guides sammle ich außer Fotos auch noch Visitenkarten – seine ist mit besonderer Aufmerksamkeit gestaltet.

Auf dem Weg durch die verwinkelten Gassen des Soukhs stoppen wir für einen Kaffee. Stilechten marokkanischen Nescafé, der von einem freundlichen alten Mann mit einem Handkarren gemacht wird. Mein Guide stellt sich kurz hinter den Wagen und macht den zweiten Nescafé selbst. Jetzt ist er wieder großspurig und guter Laune. „Die anderen wollen nicht für Fotos posieren?“ Wir hatten vorher einige Probleme einen Mann aufs Foto zu bekommen, sei es dass er einfach scheu war oder dass es irgendetwas mit der konservativen islamischen Sicht auf das Bildermachen zu tun hat. „Ha, ich posiere. Ich habe kein Problem damit. Alles Aberglaube.“

So posiert er also. Mit einem Straßenschild. Mit Sonnenbrille. Dann ohne. Weiter geht es, tiefer in die Soukhs. Der Kaffee hat meinem Guide zu gut getan. Jetzt gibt er mir Anweisungen was und wie ich fotografieren muss. „Ich weiß, wie man Bilder macht. Ich bin ein Künstler.“ Kleines, trotziges Kind wohl eher, aber es amüsiert mich ihm aufmerksam zuzuhören und dann etwas ganz anderes zu machen. Er bemerkt es nicht.

Mittlerweile, wohl eher durch ein Versehen, sind wir im Arbeiterviertel gelandet. Das fasziniert mich…kleine schmutzige Küchen, in denen Eier und Huhn gekocht und gebraten werden und vor denen kleine, massige Männer stumm anstehen. Frauen in wehenden Gewändern, die Körbe mit Einkauf nachhause tragen. Knäuel an Kindern, die auf dem Weg von der Schule zuerst an einem, dann am nächsten interessanten Eck stehenbleiben und wild und lachend debattieren oder einfach neugierig oder spöttisch schauen.

Wir stoppen an einem kleinen Geschäft am Eck einer beleben Strasse. Holzskulpturen, farbig bemalt, verzieren es von außen. Buntes Holz, Stühle, Spielschachteln und dergleichen quellen fast heraus auf die Straße. Es ist das erste Geschäft, das unter all diesen ewig ähnlichen Geschäften wirklichen Charakter hat.

Der Besitzer ist ein sympathischer Berber mit einem beständig leicht perplexen Ausdruck. Er zeigt mir mit der Fingerfertigkeit eines Bühnenmagiers eine seiner Arbeiten – eine kleine Box aus hellem Holz mit dunklen Intarsien. Ganz normal, nicht? Nein…hier! Ein geheimes Fach. Er faltet die Schachtel zwischen seinen Fingern als wäre sie aus Papier und öffnet ein bislang unsichtbares Fach, leert alle unsichtbaren Geheimnisse in seine und dann meine Handfläche, schließt es wieder und gibt mir die Box. Öffne sie. Kein Fach. Willst du einen Schlüssel verstecken? Bestes Versteck.

Wir sprechen auf Französich miteinander. Mein Guide entschuldigt sich mittlerweile – er hat einen alten Bekannten getroffen und die beiden gehen in das Haus gegenüber für ein kurzes Gespräch. Ich hatte nich geplant etwas zu kaufen, habe nicht einmal Geld in meiner Tasche, aber der Berber ist ein netter Mann und ich schaue kurz durch sein Geschäft und überlege, ob ich hier etwas als Geschenk kaufen soll. Er sieht meine Neugier natürlich und will mir sofort etwas in die Hand drücken.

Nein, ich habe kein Geld. Ich komme morgen zurück.

Oh. Alle Enttäuschung der Welt in seinem Gesicht. Morgen, morgen ist er nicht hier. Das Geschäft ist geschlossen, er geht zurück zu seinen Verwandten, hinaus aus Marrakesch.

Wann kommt er denn zurück?

Er weiß es nicht. Wann immer das Geschäft wieder gut geht.

Die weitschweifende Theatralik gefällt mir, aber ich habe wirklich kein Geld. Er winkt mich mit einer abschätzigen Bewegung davon. Ich überlege mir noch eine Antwort, da kommt allerdings mein Guide zurück und wir gehen weiter in die Soukhs.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

w

Connecting to %s