Der Alltag buddhistischer Mönche im Himalaya

Reckong Peo besitzt ein großes Krankenhaus, mehrere Regierungsgebäude, wo man unter anderem hin muss, wenn man ein sogenanntes Inner Line Permit, also die Erlaubnis näher an die indisch-chinesische Grenze zu kommen, bekommen möchte, eine große Kaserne mit Helipad und einem glittergefüllten kleinen Kasernentempel und eine Menge an Schulen. Eine große Marktstrasse voller Geschäfte und Hotels ist der touristische und belebte Teil, aber wenn man eine der vielen Treppen hinaufsteigt, kommt man in den alten, ruhigen Teil. Dort gibt es kleine Geschäfte, Apfelhaine hinter Steinmauern, ein Zelt, aus dem Musik dringt und in dem ein Wahrsager und wandernder Magier seine Dienste und Mittelchen anbietet.

Ich hatte wieder einmal einen Kontakt. Ein Mönch namens Palden – ein großer, enorm gutherziger Mann aus Kalpa, der in einem kleinen Kloster ein Stück hügelaufwärts lebte. Bei einer Portion Thukpa, einer tibetischen Nudelsuppe, erzählte er mir in gebrochenem Englisch,dass sein Vater von einem Monat gestorben war. Einfach umgekippt. Er saß da, den nächsten Moment nicht mehr. Das brüchige Englisch und das unerwartete Vertrauen, das man einem Fremden gegenüber nicht unbedingt erwartet, beeindruckt mich. Wir freunden uns schnell an und Palden bringt mich bei einem Freund in einem indischen Government Resthouse unter, wo für gewöhnlich keine Ausländer bleiben dürfen. Der Besitzer, ein begeisterter Fußballer, will für den Gefallen nur ein Foto von ihm haben. In den nächsten Tagen zeigt mir Palden den kleinen Tempel.

Eine riesige Buddhastatue ist das Prunkstück des kleinen Tempels. Sie wurde 1993 – vor siebzehn Jahren – errichtet, wie eine Goldplakette an ihrem Sockel verkündet. Eine etwas glänzendere Plakette darunter verkündet, dass sie vor zwei Jahren, 2008, vom Dalai Lama begutachtet wurde, als er auf Durchreise nach Tabo war, wo damals die Kalachakra Festivitäten stattfanden. Ein alter Lama aus Ladakh leitet den Tempel – er ist schweigsam und sorgfältig. Besuchern gibt er gerne kleine Arbeiten, so finde ich mich unerwartet auf der Bank, die für Mönche reserviert ist und trockne ihm seine rituellen Schalen oder falte Zettel auf denen Auszüge der Schriften gedruckt sind, die er später verteilen will. Vielleicht ist es aber auch ein Flyer um Leute zu einer Festlichkeit einzuladen. Alles was ich tun kann ist die für mich fremden Haken und Schnörksel möglichst schön zu falten. Draußen, im kleinen Garten des Tempels höre ich Besucher und Palden und drei Arbeiter aus Bihar kümmern sich um den Baumbestand oder bemalen das Dach neu. Meistens kommen Menschen aus dem Dorf und bringen dem alten Lama Opfergaben für die Götter oder bitten ihn für sie zu wahrsagen. Im letzteren Fall holt er abgegriffen Würfel aus polierten Knochen und Holz hervor und wirft sie in einer glänzende polierten Messingschale. Intensiv oder ganz kurz studiert er die gefallenen Würfel und verkündet dann sein Urteil. Die Menschen warten gespannt aber geduldig auf seinen Spruch, den er meistens mit Sympathie und einem Lächeln verkündet. Ich bitte Palden mir zu übersetzen, was er sagt, aber das ist ihm sichtlich unangenehm. Zu persönlich oder zu geheim.

Die Menschen kommen mit allen möglichen Fragen. Manche davon sind lebensbestimmend – wen soll unsere Tochter oder unser Sohn heiraten? Sollen wir einen Jeep kaufen und uns als Fahrer verdingen oder doch lieber in ein Gerstefeld investieren? Andere scheinen sehr trivial – ist es gut für das Mädchen, blaue Steine zu tragen? Manches Mal befragt man Fortuna auch über den Ausgang einer Krankheit oder schlicht und einfach über den Stand der Sterne und die eigenen Aussichten – kurz, man bittet den Lama um ein Horoskop. Egal was die Frage ist, der alte Mann widmet sich der Beantwortung immer mit derselben routinierten Würde. Er grübelt kaum jemals über eine Antwort, sondern wirft die Würfel und hat sie gelesen, sobald sie zum Stillstand kommen. Die Antwort, gleich ob die Frage jetzt ernsthafte Konsequenze hat oder aus purer Eitelkeit gestellt wurde, wird mit einem kurzen Nicken von den Fragestellenden hingenommen, bevor sie dem Lama danken, ihre Gaben oder Spenden hinterlassen und wieder gehen. Der alte Mann mag durchaus der Hüter von enormen Geheimnissen sein, oder er ist einfach ein Herr in fortgeschrittenen Jahren, der seine Funktion erkannt und sie zuerst stolz später vielleicht resignierend akzeptiert hat. Die Würfel, so das Denken der Fragenden, geben Geheimnisse preis oder vernebeln sie weiter.

Über den alten Lama erfahre ich später etwas weniger Geheimes aber durchaus Überraschendes, nämlich dass es bis vor knapp zehn Jahren in der Gegend noch Tieropfer gegeben hat, um die Götter zufriedenzustellen. Er selbst war einer der vielen buddhistischen Mönche, die den Leuten vom Schlachten der Tiere abgeraten und ihnen empfohlen hatten, stattdessen Obst oder Nüsse zu opfern. Palden brachte von Besuchen bei Leuten aus der Gegend oft Säcke voll mit Nüssen oder getrockneten Pfirsichen mit. So mag es den Mönchen vor fünfzehn Jahren hier durchaus passiert sein, dass sie sich nach getanem Ritual plötzlich mit einem blutenden Stück Hammel in der Hand wiederfanden. Eine der Motivationen (sicherlich eine mindere, aber doch eine), aus denen der Buddhismus entstanden ist, war die Ablehnung der tausendfachen Tieropfer der Hindus und so ist es seltsam, diese Situation hier im Kleinen wiederzufinden und zu bemerken, dass Buddhisten durchaus auch in einer fast missionierenden Rolle auftreten können.

Tsonam Tsering, ein Lama aus dem entfernten Dehra Dun, kommt in den nächsten Tagen auf Besuch. Wie viele Mönche verbringt er einen Großteil seiner Zeit auf Reisen. Die große Gemeinschaft der Mönche in Indien und darüber hinaus erlaubt vielen Mönchen viele Orte zu sehen. Meistens bleiben sie für drei bis fünf Jahre an einem Ort, bevor sie weiterziehen. Um zu studieren oder weil sie Freunde besuchen wollen, oder weil sie die Möglichkeit haben in China oder in Europa zu unterrichten. Wenn man einen Mönch fragt, was machst du?, ist die Antwort sehr oft: Ich praktiziere Dharma. Dharma ist die Gemeinschaft der Menschen, vereint in ihrem geteilten Schicksal und die Mönche sind da, dieses Schicksal erträglicher zu machen. Dharma zu praktizieren heißt, das Leben im Fluss zu halten, es Menschen zu ermöglichen nach Schicksalschlägen oder (schlechten wie guten) Veränderungen weiterzumachen. Dharma heißt aber auch Selbst-beobachtung. Zu verstehen, woher Gefühle kommen und welche Auswirkungen sie haben. Den Kreislauf von Ursprung und Wirkung zu verstehen, den wir als Karma kennen. Karma existiert im Großen – im Sinne von einer guten Tat folgt eine gute, einer schlechten Tat eine schlechte – aber auch im kleinen. Was ist der Ursprung der Gefühle in mir? Was für Auswirkungen hat es, wenn ich im Affekt handle?

Mit Mönchen zu reden und mit ihnen Zeit zu verbringen heißt oft, die eigenen Handlungen und die eigenen Gedanken unter einem wohlwollenden aber strengem Blick zu finden. Ich habe Mönche getroffen, die auf den ersten Eindruck entschieden haben, ich sei ein aggressiver Mensch (ein Urteil das zuhause von sehr wenigen über mich getroffen wird) und andere, die lange und geduldig betrachtet haben und nie Urteile gefällt haben. Man muss bereit sein, die eigenen Motive zu hinterfragen und bekommt es auch sofort zu hören, wenn man aus einem negativen Gefühl heraus handelt. Aber viele sind auch selbst sehr frei mit ihren Gefühlen und Sorgen und arbeiten darauf hin, diesen Gefühlen mit einer amüsierten Distanz zu begegnen. Palden, beispielsweise, war sehr traurig über den Tod seines Vaters, aber das Gefühl, über diese Trauer Herr werden zu müssen, das war weit strenger in ihm.

Die Mönche benutzen Unterrichtsmethoden, die an den Charakter des Schülers angepasst sind. Wenn jemand einen langsamen Geist hat, dann lernt er Mantren zu sprechen, endlose Wiederholungen zu vollführen – um seinen Geist zu disziplinieren. Er muss viele Gebote befolgen, weil man ihm keine Selbst-Diziplin zutraut. Jemand mit größerem Verständnis folgt anderen Regeln und lernt psychologische Grundlagen, um den menschlichen Geist begreifen zu können.

Palden und Tsonam waren grundverschiedene Mönche. Tsonam, klein und bullig, der früher Kampfsport und Krafttraining betrieben hatte und Kapitän des inoffiziellen Fussballteams der Exiltibeter war, war ein fähiger und kluger Mann, dem man zutrauen konnte ein Kloster zu leiten. Palden, groß, langsam und emotional, war durch seine Gutherzigkeit beeindruckend, konnte aber seine Gefühle nicht immer im Zaum halten. Trotzdem kamen die beiden bestens miteinander aus. Ich war oft bis nach Einbruch der Dunkelheit bei den beiden und gab Palden in Wort und Pantomime Englischunterricht– oder wir haben eine miserable Hollywoodkomödie auf meinem Laptop angesehen oder einfach feinere Punkte des Mönch- und Menschseins an sich debattiert.

Immer wieder kamen die beiden von „Außeneinsätzen“ zurück. Tsonam besaß ein Motorrad – bevor es ihm irgendwann am hellichten Tag gestohlen wurde. Oft waren das Dorffeste oder von Familien für eines ihrer Mitglieder bestellte Zeremonien. Manchmal waren es traurige Angelegenheiten – ein Jeep mit drei jungen Männern war in der Nacht von der Strasse abgekommen und in den Fluss gestürzt. Man konnte weder den Wagen noch die Körper der drei Männer finden, aber es wurden Zeremonien abgehalten um ihre Geister zu besänftigen und um den Gemütern von Familie und Freunden zumindest das Bisschen Frieden zu geben. Manchmal, wenn Tsonam zurückkam, konnte man ihm ansehen, dass er das Gewissen vieler Menschen auf den Schultern trug. Zwischen Gesprächen fiel er in Meditationsübungen, um seine eigene Ruhe bewahren zu können und um genug Kraft zu haben, um anderen Menschen Kraft zu spenden. In unserem europäischen Leben spielen Mönche und Seelsorger eine sehr kleine Rolle. Religion ist fast untrennbar mit einem Gefühl von Schuld verbunden – im Himalaya spielten die Mönche viele Rollen: Erhalter einer Kultur, zurückhaltende Missionare, ehrenwerte Lehrer, Vermittler zu den Geistern aber auch Psychologen, Denker. Sind sind aber auch, und das hat mich sehr überrascht, Musiker.

Eine Damaru ist eine Handtrommel. Wenn er ein Ritual durchführt, dann hält der Mönch (oder die Nonne, es gibt keinen Grund, warum nicht auch Frauen auf einem religiösen Pfad wandern können) eine verzierte Glocke in der linken Hand und die Damaru zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand. Dann beginnt der schwierige Teil. Nur aus den Handgelenken muss er diese beiden Instrumente spielen, zwei unterschiedliche Rhythmen halten und dabei noch relative komplexe Gesänge meistern. Man ist versucht zu meinen, dass das der eigentliche Grund ist, warum Mönche während ihrer Ausbildung so viel Wert auf Konzentrationsübungen legen. Meine Probleme beginnen schon, wenn es darum geht eine Damaru zu spielen. Die Damaru ist, wie viele Trommeln, ein schamanisches Instrument. Das heißt, sie wird zum Verbindungsstück zwischen der unsrigen Welt und der Geisterwelt. Indem der Mönch die Damaru spielt, versetzt er sich in Trance und kann so, nach dem Glauben der Menschen, böse Geister beschwichtigen oder den Willen der Gottheiten erkennen.

Von Reckong Peo und meinen neuen Freunden verabschiedete ich mich nur widerwillig. Aber ich wollte weiter, höher hinauf in die Berge, in die Felswüste von Spiti, wo Ngwang seiner geheimen Initiation beiwohnte. Er war einige Wochen vor mir nach Spiti gefahren – ein hochrangiger reinkarnierter Lehrer gab dort Teachings – Initiationsriten. Persönlich hatte ich bis auf Neugierde wenig Motivation dorthin zu fahren, aber die Berge hatten mich schon lange fasziniert. In viertausend Meter Höhe, abseits von den meisten Angeboten der Zivilisation…gewappnet mit meinem Inner Line Permit bestieg ich einen Bus nach Nako.

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Majnu ka Tilla – Tibetische Seidenstrasse in einer Millionenmetropole

In Norden von Delhi, in einem Gebiet namens Majnu-ka-Tilla, lebt eine kleine Gemeinschaft von Tibetern. Die Tibeter werden seit fünfzig Jahren von den Indern aufgenommen, wenn sie ihr Heimatland aufgrund der politischen und menschlichen Umstände verlassen müssen und sich entscheiden ein neues Leben in der Präsenz des Dalai Lama zu führen.

Ihre Exilgesellschaft in Indien haben sie sich, so weit das möglich ist nach dem Muster der tibetischen Klostergesellschaft aufgebaut – die unterschiedlichen Sekten und Glaubensrichtungen besaßen in Tibet jeweils ein zentrales Kloster und ebenso haben es die religiösen Oberhäupter in Indien gehalten. Die Gelbhutsekte, denen der Dalai Lama vorsitzt, und die Exilregierung selbst hat ihren Sitz in MacLeod Ganj, einem Teil der kleinen Stadt Dharamsala. Andere Schulen finden sich in Dehradun und in Sikkim, nicht weit entfernt von den Bergen aus denen sie ursprünglich stammen, aber auch tief im Süden, in einer Stadt namens Mysore, gibt es ein Zentrum der Tibeter. In Delhi leben die Tibeter so weit als möglich isoliert vom Rest der Stadt und haben ihre eigenen Einkommensmöglichkeiten. Das Viertel haust gut und gerne vier- bis fünfhundert Sesshafte und nocheinmal etwa zwei bis dreimal so viele Durchreisende. Ein Großteil der gut sechs-, siebenstöckigen Bauten dient als Hotels oder dharamsalas, Pilgerstätten, die allen Gästen offen stehen, die meisten davon mit angeschlossenen Restaurants, die alles von traditioneller tibetischer Küche bis hin zu Pizzas servieren können. Die meisten sind in Familienbesitz. Manche sind ganz traditionell, mit winzigen Zimmern und ehrbaren Großmüttern an der Rezeption, andere sind mit großem Geschäftssinn betrieben und wieder andere dümpeln etwas gleichgültig dahin. Regiert wird es, nach indischem Vorbild, von einem panchayat, einem dörflichen Rat.

Man darf nicht den falschen Eindruck gewinnen, wenn man sagt, dass Majnu-ka-tilla eine beliebte Touristengegend ist. Man sieht hier, auf den schmalen überfüllten Gassen und in den Internet Cafes, zwar mehr weiße Gesichter als im Rest von Delhi und findet ebenso einiges an Antiquitätengeschäften, die sehr wohl einem reicheren westlichen Markt zugeschnitten scheinen, aber der Anteil an nicht-Asiaten ist doch sehr gering. Viele fühlen sich von der tibetischen Präsenz angezogen oder machen hier nur einen Zwischenstopp bevor es weitergeht nach MacLeod Ganj. Es geht verhältnismäßig ruhig und gemächlich zu, in Majnu-ka-Tilla.

Manchmal mieten sich brahmanische Studenten aus der nahegelegenen Vishwavidyala, der Universität von Delhi, ein Zimmer um dort vollkommen unbrahmanischen Verlockungen nachzugehen – Hühnerfleisch und vielleicht sogar einen Schluck Alkohol. Die Tibeter bieten auch ihnen eine momentane Freiheit von den strikten sozialen Zwängen. Bis auf solche sporadischen Gäste, sind die einzigen Inder jene, die hier nach Profit suchen. Junge Biharis oder Muslime, die als billige Arbeitskräfte von einigen der Hotels eingestellt werden. Obsthändler, die schwer beladene Karren durch die Gassen schieben, Chaiwallahs, die mit ihren Kannen voll Milchtee am Morgen herumziehen, Schuhverkäufer, Korbmacher, Zuckerwattehändler, Ohrenputzer, Rikshawallahs, die begeistert und energisch klingeln wenn sie mit schwerbeladenen Rikshas einen Gast, der auf seinen vielen
Koffern zu balancieren scheint, durch die Menschenmenge befördern. Auch Leute wie der Betreiber eines Videospielladens und Internetcafes, wo man mitunter auch junge Mönche in ihren Roben finden kann, die in den späten Abendstunden und vielleicht mit dem Hauch eines schlechten Gewissens Call of Duty oder Need for Speed spielen; sich für ein paar Stunden in einen Soldaten oder einen Rennfahrer verwandeln, bevor sie mit einem momentanen Seufzen oder erhoben vom Adrenalin der unmöglichen virtuellen Erfahrung wieder in den belebten Strassen verschwinden – sie alle kommen unter Tags nach Majnu-ka-tilla.


Dominiert wird das Viertel aber zweifellos von den Tibetern. Neben den Hotels und Restaurants gibt es kleine Essbuden und viele winzige Geschäfte, wo man tagtägliche Notwendigkeiten wie Seife, Zahnpaste, Mosquitoschutz oder die überall vorhandenen Lays Chips kaufen kann (man lernt schnell, die eigentliche Grenze einer jeden indischen Stadt noch weit vor den ersten Häusern an der Präsenz von leergegessenen, weggeworfenen Lay Chips Packungen zu erkennen). Gegenüber findet man kleine Stände, wo Plastikplanen Schatten spenden und Schuhe, Kunststoffschlapfen, Stoffe und malas, Rosenkränze, und rituelle Utensilien verkauft werden. Das ist die Hauptstrasse von Majnu-ka-tilla oder der New Aruna Nagar Colony, wie ein rostgefressenes gelbes Schild über der schmalen Gasse die von der Schnellstrasse nach Norden in die Kolonie führt, verkündet. Die Kolonie hat den Namen Aruna Nagar von Sheila Dixit, der Bürgermeisterin von Delhi, erhalten, in Ehren dafür dass die Tibeter ein ärmliches, fast elendes Viertel zu einem lebendigen und wirtschaftlich relativ erfolgreichen Ort gewandelt haben. Samyeling taufte der Dalai Lama die kleine Kolonie, von der aus Tibeter in alle Himmelsrichtungen in die Welt hinaus reisen.
Verwunderlich für Neuankömmlinge sind vielleicht die vielen Reisebüros. Fast jedes vierte Geschäft bietet Busreisen nach Mysore, Dharamsala, Rajasthan. Sie tragen oft buddhistische Namen – Dharma Tours, Three Jewels Travels – und bestehen aus einem Raum in dem zwei oder drei Männer um ein Telefon und einen Computer sitzen. Majnu-ka-tilla gibt einem das Gefühl eine Art Außenposten zu sein, ein Ort an den man kommt, wenn man auf der Durchreise ist oder Verwandte in der Gegend besucht. Manche Bewohner scherzen, Majnu-ka-Tilla sein die „moderne Seidenstrasse“, der Hauptposten auf den langen Reise- und Handelswegen der tibetischen Gemeinschaft. im 21. Jahrhundert.


Wenn man der Hauptstrasse folgt, findet man an einem Ende eine Gruppe von hohen Tamarindenbäumen. Von einem Balkon oder dem Dach eines der Hotels kann man Eichhörnchen beobachten oder Bussarde, die auf den oberen Ästen sitzen und nach Beute Ausschau halten. Man kann auch weiter blicken, über die Yamuna, den Fluss, der sich durch Delhi schlängelt. Majnu-ka-tilla liegt am Ufer der Yamuna und man kann den diesigen Sonnenaufgang beobachten – ein klarer roter Ball, der sich über die Wälder am anderen Ufer hebt und dann den ganzen Himmel rot färbt, bevor im Laufe des Tages die Abgase der Stadt zu dicht werden und kein direktes Licht mehr durchlassen. Am Ufer selbst kann man kleine Hütten sehen, die von Bauern bestellt werden solange der Boden fruchtbar ist. Bohnen und Spinat, gedeihen am einfachsten und schnellsten hier. Die Bauern sind Familien, die in rasch zusammengebauten Hütten aus Holz und Plastik leben.
Wenn im Sommer der Monsun einsetzt, wird sich der Wasserspiegel heben und die Felder und die Zelthütten wegschwemmen. Die Bauern müssen hoffen, in der Saison genug Ertrag zu machen um die Monsunzeit irgendwo überdauern zu können.
Weiter flussaufwärts kann man eine schwimmende Brücke sehen, über die ein steter Strom an Menschen und Autos fließt. Sie wird von Lufttanks getragen, die im Fluss treiben, und stellt wohl eine bescheidenere Variante der berühmten schwimmenden Brücke dar, die bis ins neunzehnte Jahrhundert beim Roten Fort die Yamuna überquerbar machte.

Auf der anderen Seite des Flusses hört die Stadt plötzlich auf. Dort sieht man nur niedrige Bäume und vereinzelte Hütten. Hin und wieder blitzen die schwarzen Karosserien von Autorikshas zwischen den Bäumen auf und wackeln dann über die holprige Sandstrasse Richtung Brücke. Männer in frisch gebügelten Hemden oder in dreckige Tücher gehüllt und mit Bündeln beladen und Frauen in Saris wandern am Strassenrand entlang, zwischen Motorrädern und den Staublawinen, die vorbeifahrende Marutis aufwerfen. Man fühlt, dass vielleicht etwas Wahres daran ist, dass Indiens Städte nur eine Menge zusammengehäufter Dörfer sind.

Was von oben schön aussieht, wird weiter unten schwer erträglich. Zwischen den Bäumen liegen Haufen von weggeworfenem Plastik und ein ekelhafter schwefeliger Gestank steigt von Wasserlacken auf. Hunde stöbern durch das Plastik und schrecken kleine Affen zurück auf die niedrigen Äste. Dazwischen Menschen, so vertieft in ein Gespräch oder ein Spiel, man könnte glauben sie sitzen im schönsten aller Parks. Überall hängt der Gestank von Abwasser und Scheisse. Gemischt mit den Abgasen, die im Laufe des Tages von der Schnellstrasse herübertreben, hat man bald das Gefühl, dass die eigene Nase taub wird.

Am anderen Ende der Hauptstrasse windet sich die Strasse und wird schmaler. Man lässt die Hotels und Restaurants hinter sich und betritt den älteren Teil der kleinen Kolonie. Kinder wandern durch die Gassen, sowohl Tibeter auf dem Weg zur Schule als auch indische Bettelkinder und Müllsammler. Viele von ihnen tragen Bündel mit Gemüse, das sie nachhause bringen oder, im Falle der Ärmeren, Plastikflaschen, die sie sammeln um die dann für ein paar Rupien an Geschäftsleute, die es weiterverwenden können, zu verkaufen. Recycling wird in indischen Städten von den Ärmsten betrieben und stellt für viele ihre Einnahmensquelle dar. Es gibt auch in dieser Berufssparte Spezialisten, wie die jungen Männer, die alles nach Kupfer- und Messingdrähten durchforsten, die als stromleitendes Material einen hohen Preis bringen können. Unter den Tibetern gibt es de facto keine Bettler. Durch Fenster und Türen kann man in Werkstätten blicken wo Gruppen von Männern Metall und Blech zu Kelchen und Ritualgegenständen formen, die dann in einem der vielen Geschäfte verkauft werden. Man wirtschaftet hier mit einem klaren Blick auf Autonomie – die Tibeter produzieren kaum etwas, was den Indern im Rest von Delhi Nutzen bringen könnte, sondern alles wird für die kleine Kolonie und ihre Bewohner, ständig oder vorübergehend, gefertigt.


Durch die windenden Gassen erreicht man einen Ort wo es neben den vielstöckigen modernen Bauten noch andere gibt. Die Kolonie ist knapp fünfzig Jahre alt. Die indische Regierung stellte den ersten tibetischen Flüchtlingen das Sumpfland am Ufer der Yamuna zur Verfügung und die ersten dort errichteten Häuser haben sich einen leichten tibetischen Touch erhalten. Ein Erd- und ein Obergeschoss, verbunden mit einer Treppe und hölzernen Leitern. Das beste Beispiel ist eines der größten Häuser der Kolonie – in eben diesem Stil errichtet besitzt es sogar einen kleinen Garten mit einem dürren Baum, auch wenn es schwer ist, den unter all dem Plastikmüll als Garten zu erkennen. Das Haus gehört, wie ich später erfahren darf, dem obersten Lama des tantrischen Tempels.
Majnu-ka-tilla besitzt zwei Tempel. Einen regulären und einen tantrischen. Der Unterschied zwischen Tantra und regulärem tibetischem Buddhismus ist relativ komplex, kann aber so zusammengefasst werden: ein tantrischer Mönch sieht die Welt nicht als etwas an was durch Askese gemieden werden muss, sondern er erlangt seine spirituellen Reichtum durch direkte Interaktion mit der Welt. Entstanden aus der schamanischen Tradition der Bön, stellt Tantrismus heute eine geachtete Alternative zu „regulärem“ Buddhismus dar. Ein tantrischer Mönch darf eine Familie gründen und Alkohol und Fleisch zu sich nehmen. Unter Mönchen und Laien gilt der tantrische Weg als der schwierigere, auf den sich nur sehr gefestigte Persönlichkeiten wagen können.


Die beiden Tempel lassen sich von außen und vom ungeübten Auge nicht unterscheiden. Sie stehen nebeneinander auf einem großen Platz, der von den Bewohnern von Majnu-ka-tilla für Zusammenkünfte und Zeremonien genutzt wird. Die Türen zu beiden Tempeln sind mit Vorhängen verhangen und von außen hört man hin und wieder rhythmisches Trommeln aus dem Inneren. Die Tempel sind aus farbigem und lackiertem Stein erbaut – Verzierungen auf dem Dach, das Rad und die beiden Rehe, verweisen auf Buddha und seine erste Predigt, die er im Deer Park, dem Rehpark, gehalten hat und bei der alle seine Zuhörer der Legende nach Tiere waren. Buddha wird in der Skulptur, einer indischen Tradition folgend, oft als Rad oder als Fußabdruck, als Bettelschale oder als Baum dargestellt.

Im Inneren der Tempel findet sich ein anderes Bild – kein karger Symbolismus mehr, denn dort findet sich eine verwirrende Vielfalt an Götterbildern, Statuen, Personen. Sie stehen in mehreren Reihen und tragen of khagtas, die weißen Schals, die als Glücksbringer bei Zeremonien ausgetauscht werden, um ihre Schultern gewickelt. Kleine, vielleicht dreißig Zentimeter große Figuren aus Holz, Ton oder auch Metall, die jene Lehrer und Weise darstellt, die Träger und Erhalter der Weisheit der ersten Erleuchteten waren.
Eine goldblattverzierte Figur mit den Attributen eines Heiligen steht im Hintergrund, davor kleinere, gröbere Figuren aus Ton, ihr Ausdruck irgendwo zwischen verzückt und tiefernst, gehüllt in dunkelroten Stoff oder einen weißen khagta. Je weiter man dern Reihen nach vorne folgt, umso lebensechter werden die Gesichter, umso weiter reist man in der Zeit nach vorne, bis man schließlich bei den an die vordersten Figuren gelehnten Fotos ankommt; man verfolgt die Reinkarnationen von grobem Ton, über immer feinere Schnitzereien, bis hin zu den klaren, unmissverständlichen Zügen auf den Fotografien.

Eine spirituelle Reise durch die Zeit und ein anderer, zweckmäßiger Blick auf den Fortschritt der Technik. Hier ist sie nicht Selbstzweck, sondern dient dem Ausdruck des Menschlichen, des Glaubens.

Die Tibeter legen in der religiösen Überlieferung enormen Wert auf die sogenannte Transmissionslinie. Ganz kurz: Menschen sind alle im Kreislauf des Lebens, in Samsara, gebunden. Laut der einfachsten mönchischen Tradition gibt es einen Kreislauf der Wiedergeburten, bestimmt von Karma, der Balance der guten und schlechten Handlungen eines Lebens. Die religiösen Meister sollen sich so weit entwickelt haben, dass sie diesen Kreislauf durchbrechen können und ihre Wiedergeburt selbst bestimmen können. Der Geist des Meisters und damit all sein Wissen wird im realen Sinne übertragen – ein Wiedergeburt findet statt und die Linie dieses Meisters besteht weiter. In vielen Tempeln sieht man kleine Tonfiguren oder in schmucke Roben gekleidete kleine Statuen, die eben diese Linie darstellen sollen. Fast alle Linien lassen sich auf große Persönlichkeiten aus der tibetischen Geschichte zurückführen und stellen so, neben der religiösen Bedeutung, auch eine geschichtliche Aufzeichnung dar, insbesondere da es in der tibetischen
Tradition beinahe keine Geschichtsschreibung gibt, die sich nicht ins Mythische verläuft.

Neben diesem spirituellen Stammbaum findet man in Tempeln Statuen der verschiedenen Inkarnationen und Aspekte des Buddha. Religionsgeschichtlich vermutet man, dass diese unterschiedlichen Aspekte im Frühen Mittelalter aus der Vermischung des aus Indien kommenden Buddhismus mit den lokalen Traditionen der Tibeter entstanden sind, aber im esoterischen Glauben repräsentieren sie die sogenannten Bodhisattvas – also vollkommen realisierte Persönlichkeiten, die es durch ihr eigenes Vermögen geschaft haben aus dem Kreislauf auszubrechen. Es gibt im tibetischen Glauben eine Vielzahl solcher Bodhisattvas, aber am Häufigsten abgebildet findet man Avalokiteshvara, den ursprünglichen Bodhisattva und Ausdruck des Mitgefühls aller Buddhas, und Padmasambhava, den Gründer der buddhistischen Tradition in Tibet.

Die Tempel werden von zwei kleinen Gruppen von Mönchen gepflegt. Unter Tags sieht man sie meistens bei kleinen Arbeiten wie dem Putzen von rituell benutzten Schalen oder im Gespräch mit Menschen aus der Kolonie, die sie ansuchen ihre Bitten und Wünsche an die Gottheiten weiterzuleiten. Einen Großteil ihres Tages verbringen die Mönche im Gebet oder im Ritual. Rituale für Kranke, für Menschen, die sich auf eine Reise vorbereiten, für eben Verstorbene, für Hochzeiten, Geburten…die Mönche haben immer zu tun.

Das Chaos indischer Städt entsteht vor allem durch die Unfähigkeit Menschen und Dinge zuzuordnen. Wenn man beginnt zu verstehen, dass alles aus einer Vielzahl von eigentlich sehr streng geordneten Gemeinschaften besteht, löst sich auch der schwindelerregende Eindruck aus, den ein Ort wie Delhi auf den ersten Blick in einem auslöst. Majnu-ka-Tilla ist ein guter Ort, sich von so einem kulturbedingten Schwindel zu erholen und die Stadt, Stück für Stück, besser zu verstehen.