Die Träume des Bhais

Wie jeder halbwegs respektable Inder, hat auch der Bhai Träume. Bloß sind seine Träume nicht die fiebrigen und verzweifelten von Macht und Geld. Der Bhai, der manchmal meint, nur seine Träume machen ihn zu einem Menschen, hat alle diese Dinge. Er ist Oberhaupt eines gewaltigen Syndikates und besitzt genug Geld um es verachten zu können. Keine Frage, er gibt es mit beiden Händen aus, aber er weiß dass Geld nichts heißt. Frauen, die wiegenden, eleganten Körper, die erwirken noch oberflächliche Regungen im Geist des Bhais, aber wenn sie zu schön werden und ihre Augen zu sehr glitzern, was sind sie dann anders als Nutten, Goldgräber und Buchhalter einer Welt an Emotionen? Ein Gespräch mit ihnen ist dann nichts mehr als eine Transaktion, das trügerische Spiel von Sex und Liebe tanzt dann auf Knochen aus blätterndem Gold.

Seine Konkurrenten, die kann der Bhai noch respektieren. Sie sind seiner ebenbürtig, müssen es sein, denn sie sind ja noch am Leben. Die Welt macht auf Dauer alle Unterschiede sichtbar, auch wenn der Unterschied in der Welt des Bhais sich auf einen Moment des Versagens reduziert hat. Wobei er sie keineswegs hasst, ganz im Gegenteil. Manchmal, nachdem er lange Monate damit verbracht hat, seine Pläne besser zu schmieden, konkurrierende Unterlinge in die Arme der Polizei laufen zu lassen und auf verwinkelten Strecken die Ränke der Oberen an die falschen Ohren dringen lässt, dann ruft er einen seiner Konkurrenten, den mächtigsten, an und sagt er komme am nächsten Tag zum Essen. Die beiden sprechen dann wie Connoisseure, wie Liebhaber einer seltenen Art, die ihre Beobachtungen und Erkenntnisse tauschen wollen – bloß sind sie selbst diese Art und in diesen, seltenen Momenten fühlt sich der Bhai fast verstanden.

Die Träume des Bhais sind anders. Es sind Träume aus der größten Schmiede, der Filmindustrie. Der Bhai kennt viele der größten Regisseure, der wichtigsten Schauspieler und ruft sie manchmal an, mitten im Gespräch mit anderen, bloß weil er es kann und weil er anderen etwas zu reden geben will. Aufstrebende Sternchen nimmt er sich manchmal als Maitressen, für ein paar Wochen zumeist, bis sie ihm auf die Nerven gehen. Bis sie glauben, daß sie für mehr als eine Nebenrolle bestimmt sind.

Im Kopf des Bhais laufen unterdessen seine tanzenden und flackernden Zelluloidfantasien endlos ab. Dort sind, die Frauen, die er im Leben verachtet, dort fließen Geld und Champagner, die er in seiner Kindheit in naivem Glauben verachten gelernt hat. Manchmal merkt er es gar nicht, wenn seine Fantasien seinem Kopf entfliehen. Dann wieder ist er trunken, kurz, von seiner Macht. Er weiß nicht, dass er eine andere Welt gibt, als die in seinem Kopf und selbst wenn er es wüsste, wozu bräuchte er eine andere Welt? Der Bhai macht sich seine Welt. Wer außer ihm kann sagen, dass er die Realität nicht kennen muss, er schafft sie sich? Wer außer ihm hat diese Macht?

Kein Richter hat sie, kein Politiker hat sie, kein Polizist hat sie. Keines dieser Insekten, die sich draußen auf den Strassen tümmeln, keines von denen hat sie!

Aber auch Ärger gibt dem Bhai keine Zufriedenheit. Nur manchmal, wenn seine Fantasien vor seinen Augen flackern und tanzen, befreit aus seinem Kopf, wenn aus Mumbai und Dubai die Städte der Bildschirme und Leinwände werden, wenn die nautch girls nicht mehr teure Huren sind, sondern Tänzerinnen, dann hat er für einen Moment Frieden. Zu allen anderen Zeiten ist der Bhai der Sklave seiner endlosen Träume, die fiebrig durch seinen Kopf rattern. Was heißt schon die andere Welt, wenn man Träume hat?

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