Die Träume des Riksha Wallahs

  Eine andere Art von Portraits – die Menschen erkennt man am Besten über ihre Träume. So verfälschend oder idealisierend oder realitätsfern sie sein mögen. Dort findet man einen Teil des Menschen, den man sonst vergeblich sucht. Diese Serie “Die Träume des…” soll solche seltsamen, konstruierten und doch, hoffentlich, irgendwie wahren Bilder indischer Menschen zeichnen.

Er hat die Flasche neben das Gottbild gestellt. Ein paar Schluck waren noch drinnen und an die denkt er, wenn er über die Strassen strampelt. Das Fahren selbst ist der schöne Teil der Arbeit; selbst wenn er in seinem Schweiß fast ertrinkt, genießt er die Arbeit. Die Busse blasen ihm Abgase ins Gesicht und sein Schal, den er sich vor Gesicht gebunden hat und an dem er in Momenten des Stresses halb bewusst herumkaut, ist am Abend fast steif vor Dreck, Staub und hinterlässt einen beißenden, bitteren Geschmack auf seinen Lippen, der Spitze seiner Zunge. Wenn er sich am Morgen rasiert oder (am Morgen eines guten Vortages) rasieren lässt, spürt er entfernt die permanente Irritation seiner Haut, als ob ein paar Millimeter unterhalb seines Gesichtes winzige kleine Feuer brennen. Seine Augen brennen vom Schweiß und Schmutz und machmal glaubt er, dass ihm der dreckige Schweiß nicht aus den Poren dringt, sondern aus den Augen.

Hinter seinen Augen hält er seine liebsten Bilder. Reisfelder und Hütten und der Dorfbaum um den Lays Chips Packungen glitzern wie Flitter in einem Tempel. Der lehmige, wunderbare Geruch im Zimmer seiner Kinder, der nach ihrem Schlaf riecht und nach ihren Bewegungen. Wenn er diesen Geruch riecht – ein Geruch, der sich jedes Jahr kaum merklich verändert, aber für ihn immer erkennbar bleibt – dann weiß er, dass er zuhause angekommen ist. In Träumen ist er jeden Tag bei seinen Kindern und stellt sich vor, wie sie wachsen, sich nicht verändern aber immer größer werden. Er kann es nicht erwarten, zuhause zu sehen was für neue Narben, neue Gedanken, neue Blicke seine Kinder haben werden.

Am ersten Tag zurück in der Stadt verbringt er viel Zeit damit, dieses Bild seiner Kinder auf den neuesten Stand zu bringen. Wenn er in seinem Geist so arbeitet, dann ist ihm gleichgültig, was ihm seine Passagiere zahlen. Dann lächelt er und hebt das Geld an seine Stirn und zählt es nicht.

Zählen tut er erst, wenn der Schmerz der Abwesenheit groß wird. Dann wird ihm klar, was das Geld für ihn heißt. Was es nicht nur für seine Familie heißt, denn der Großteil der Noten die von fremden Händen in seine wandern sind für seine Frau, sondern dass es für ihn eine Zugfahrkarte heißt. Dass er seine Riksha für zwei Monate vermieten kann an einen neuen, der sich Geld verdienen muss um seine eigene zu kaufen. Dass er den Geruch wieder in seiner Nase spüren kann.

Wenn der Schmerz groß ist, weiß er, sind die Bilder seiner Kinder in seinem Kopf nur mehr Puppen der alten Zeit. Zuhause laufen sie anders durch die Welt und der Schmerz kommt von Unwissenheit und Wissen, dass die Bilder in seinem Kopf die falschen sind.

Dann hilft ihm ein Schluck aus der Flasche. Oder die Erinnerung an den Schluck. Er hat nur eine Flasche und oft, monatelang, hindert er sich daran, sich an den Geschmack auch nur zu erinnern – dann ist der Gedanke selbst so frisch, so kräftigend wie der Schluck selbst. Und erst wenn die Erinnerung ganz verblasst, dann nimmt er einen kleinen, wirklichen Schluck.

Bis dahin ist es noch lange. Er steht jetzt in der Mitte aller Dinge. Er dreht sich zu seinem Fahrgast um. „Wrong side tik hai?“

Ein Nicken und er dreht sein Gefährt in den Strom der entgegenkommenden Fahrzeuge und tritt in die Pedale, bis er den Schweiß stechen spürt.

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Image Selection II

Three boys perching on a special seat to watch the start of a ceremony at Kungri Monastery

Rainclouds moving in from Kunzum La, changing the world into blueish mystery

The multiple monk – a trick of light and mirrors in Dharamsala’s Losel Doll Museum

Soft evening light falling through the stone filligree in the heart of Humayun’s Tomb

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Die Träume des Bhais

Wie jeder halbwegs respektable Inder, hat auch der Bhai Träume. Bloß sind seine Träume nicht die fiebrigen und verzweifelten von Macht und Geld. Der Bhai, der manchmal meint, nur seine Träume machen ihn zu einem Menschen, hat alle diese Dinge. Er ist Oberhaupt eines gewaltigen Syndikates und besitzt genug Geld um es verachten zu können. Keine Frage, er gibt es mit beiden Händen aus, aber er weiß dass Geld nichts heißt. Frauen, die wiegenden, eleganten Körper, die erwirken noch oberflächliche Regungen im Geist des Bhais, aber wenn sie zu schön werden und ihre Augen zu sehr glitzern, was sind sie dann anders als Nutten, Goldgräber und Buchhalter einer Welt an Emotionen? Ein Gespräch mit ihnen ist dann nichts mehr als eine Transaktion, das trügerische Spiel von Sex und Liebe tanzt dann auf Knochen aus blätterndem Gold.

Seine Konkurrenten, die kann der Bhai noch respektieren. Sie sind seiner ebenbürtig, müssen es sein, denn sie sind ja noch am Leben. Die Welt macht auf Dauer alle Unterschiede sichtbar, auch wenn der Unterschied in der Welt des Bhais sich auf einen Moment des Versagens reduziert hat. Wobei er sie keineswegs hasst, ganz im Gegenteil. Manchmal, nachdem er lange Monate damit verbracht hat, seine Pläne besser zu schmieden, konkurrierende Unterlinge in die Arme der Polizei laufen zu lassen und auf verwinkelten Strecken die Ränke der Oberen an die falschen Ohren dringen lässt, dann ruft er einen seiner Konkurrenten, den mächtigsten, an und sagt er komme am nächsten Tag zum Essen. Die beiden sprechen dann wie Connoisseure, wie Liebhaber einer seltenen Art, die ihre Beobachtungen und Erkenntnisse tauschen wollen – bloß sind sie selbst diese Art und in diesen, seltenen Momenten fühlt sich der Bhai fast verstanden.

Die Träume des Bhais sind anders. Es sind Träume aus der größten Schmiede, der Filmindustrie. Der Bhai kennt viele der größten Regisseure, der wichtigsten Schauspieler und ruft sie manchmal an, mitten im Gespräch mit anderen, bloß weil er es kann und weil er anderen etwas zu reden geben will. Aufstrebende Sternchen nimmt er sich manchmal als Maitressen, für ein paar Wochen zumeist, bis sie ihm auf die Nerven gehen. Bis sie glauben, daß sie für mehr als eine Nebenrolle bestimmt sind.

Im Kopf des Bhais laufen unterdessen seine tanzenden und flackernden Zelluloidfantasien endlos ab. Dort sind, die Frauen, die er im Leben verachtet, dort fließen Geld und Champagner, die er in seiner Kindheit in naivem Glauben verachten gelernt hat. Manchmal merkt er es gar nicht, wenn seine Fantasien seinem Kopf entfliehen. Dann wieder ist er trunken, kurz, von seiner Macht. Er weiß nicht, dass er eine andere Welt gibt, als die in seinem Kopf und selbst wenn er es wüsste, wozu bräuchte er eine andere Welt? Der Bhai macht sich seine Welt. Wer außer ihm kann sagen, dass er die Realität nicht kennen muss, er schafft sie sich? Wer außer ihm hat diese Macht?

Kein Richter hat sie, kein Politiker hat sie, kein Polizist hat sie. Keines dieser Insekten, die sich draußen auf den Strassen tümmeln, keines von denen hat sie!

Aber auch Ärger gibt dem Bhai keine Zufriedenheit. Nur manchmal, wenn seine Fantasien vor seinen Augen flackern und tanzen, befreit aus seinem Kopf, wenn aus Mumbai und Dubai die Städte der Bildschirme und Leinwände werden, wenn die nautch girls nicht mehr teure Huren sind, sondern Tänzerinnen, dann hat er für einen Moment Frieden. Zu allen anderen Zeiten ist der Bhai der Sklave seiner endlosen Träume, die fiebrig durch seinen Kopf rattern. Was heißt schon die andere Welt, wenn man Träume hat?

Sommerpause

Nicht für den Blog, der wird in den nächsten Wochen genauso betrieben. Meine erste Vortragssaison ist abgeschlossen – drei Vorträge über “Nordindien und den Westhimalaya” plus eine schöne Präsentation beim IndiaCamp 2011 (exzellent organisiert von Stefan Mey und Wolfgang Bergthaler).

 
Die Feedbacks, die ich bekommen habe waren durch die Bank interessiert und oft begeistert (erstaunlich!) – genug Ansporn um weiterzumachen. Für Herbst werde ich mir einige der Anmerkungen der Zuschauer zu Herzen nehmen und weiter persönliche Erlebnisse und Geschichten der Menschen, die mir auf meinen Reisen begegnet sind, einfließen lassen.

Vorträge in Pitten und Schwarzenbach stehen schon. Weitere Orte werden noch gesucht bzw. verhandelt.

 

Danke an alle, die meine Vorträge besucht haben – spread the word! Mundpropaganda ist immer noch das Allerwirksamste.