Der Alltag buddhistischer Mönche im Himalaya

Reckong Peo besitzt ein großes Krankenhaus, mehrere Regierungsgebäude, wo man unter anderem hin muss, wenn man ein sogenanntes Inner Line Permit, also die Erlaubnis näher an die indisch-chinesische Grenze zu kommen, bekommen möchte, eine große Kaserne mit Helipad und einem glittergefüllten kleinen Kasernentempel und eine Menge an Schulen. Eine große Marktstrasse voller Geschäfte und Hotels ist der touristische und belebte Teil, aber wenn man eine der vielen Treppen hinaufsteigt, kommt man in den alten, ruhigen Teil. Dort gibt es kleine Geschäfte, Apfelhaine hinter Steinmauern, ein Zelt, aus dem Musik dringt und in dem ein Wahrsager und wandernder Magier seine Dienste und Mittelchen anbietet.

Ich hatte wieder einmal einen Kontakt. Ein Mönch namens Palden – ein großer, enorm gutherziger Mann aus Kalpa, der in einem kleinen Kloster ein Stück hügelaufwärts lebte. Bei einer Portion Thukpa, einer tibetischen Nudelsuppe, erzählte er mir in gebrochenem Englisch,dass sein Vater von einem Monat gestorben war. Einfach umgekippt. Er saß da, den nächsten Moment nicht mehr. Das brüchige Englisch und das unerwartete Vertrauen, das man einem Fremden gegenüber nicht unbedingt erwartet, beeindruckt mich. Wir freunden uns schnell an und Palden bringt mich bei einem Freund in einem indischen Government Resthouse unter, wo für gewöhnlich keine Ausländer bleiben dürfen. Der Besitzer, ein begeisterter Fußballer, will für den Gefallen nur ein Foto von ihm haben. In den nächsten Tagen zeigt mir Palden den kleinen Tempel.

Eine riesige Buddhastatue ist das Prunkstück des kleinen Tempels. Sie wurde 1993 – vor siebzehn Jahren – errichtet, wie eine Goldplakette an ihrem Sockel verkündet. Eine etwas glänzendere Plakette darunter verkündet, dass sie vor zwei Jahren, 2008, vom Dalai Lama begutachtet wurde, als er auf Durchreise nach Tabo war, wo damals die Kalachakra Festivitäten stattfanden. Ein alter Lama aus Ladakh leitet den Tempel – er ist schweigsam und sorgfältig. Besuchern gibt er gerne kleine Arbeiten, so finde ich mich unerwartet auf der Bank, die für Mönche reserviert ist und trockne ihm seine rituellen Schalen oder falte Zettel auf denen Auszüge der Schriften gedruckt sind, die er später verteilen will. Vielleicht ist es aber auch ein Flyer um Leute zu einer Festlichkeit einzuladen. Alles was ich tun kann ist die für mich fremden Haken und Schnörksel möglichst schön zu falten. Draußen, im kleinen Garten des Tempels höre ich Besucher und Palden und drei Arbeiter aus Bihar kümmern sich um den Baumbestand oder bemalen das Dach neu. Meistens kommen Menschen aus dem Dorf und bringen dem alten Lama Opfergaben für die Götter oder bitten ihn für sie zu wahrsagen. Im letzteren Fall holt er abgegriffen Würfel aus polierten Knochen und Holz hervor und wirft sie in einer glänzende polierten Messingschale. Intensiv oder ganz kurz studiert er die gefallenen Würfel und verkündet dann sein Urteil. Die Menschen warten gespannt aber geduldig auf seinen Spruch, den er meistens mit Sympathie und einem Lächeln verkündet. Ich bitte Palden mir zu übersetzen, was er sagt, aber das ist ihm sichtlich unangenehm. Zu persönlich oder zu geheim.

Die Menschen kommen mit allen möglichen Fragen. Manche davon sind lebensbestimmend – wen soll unsere Tochter oder unser Sohn heiraten? Sollen wir einen Jeep kaufen und uns als Fahrer verdingen oder doch lieber in ein Gerstefeld investieren? Andere scheinen sehr trivial – ist es gut für das Mädchen, blaue Steine zu tragen? Manches Mal befragt man Fortuna auch über den Ausgang einer Krankheit oder schlicht und einfach über den Stand der Sterne und die eigenen Aussichten – kurz, man bittet den Lama um ein Horoskop. Egal was die Frage ist, der alte Mann widmet sich der Beantwortung immer mit derselben routinierten Würde. Er grübelt kaum jemals über eine Antwort, sondern wirft die Würfel und hat sie gelesen, sobald sie zum Stillstand kommen. Die Antwort, gleich ob die Frage jetzt ernsthafte Konsequenze hat oder aus purer Eitelkeit gestellt wurde, wird mit einem kurzen Nicken von den Fragestellenden hingenommen, bevor sie dem Lama danken, ihre Gaben oder Spenden hinterlassen und wieder gehen. Der alte Mann mag durchaus der Hüter von enormen Geheimnissen sein, oder er ist einfach ein Herr in fortgeschrittenen Jahren, der seine Funktion erkannt und sie zuerst stolz später vielleicht resignierend akzeptiert hat. Die Würfel, so das Denken der Fragenden, geben Geheimnisse preis oder vernebeln sie weiter.

Über den alten Lama erfahre ich später etwas weniger Geheimes aber durchaus Überraschendes, nämlich dass es bis vor knapp zehn Jahren in der Gegend noch Tieropfer gegeben hat, um die Götter zufriedenzustellen. Er selbst war einer der vielen buddhistischen Mönche, die den Leuten vom Schlachten der Tiere abgeraten und ihnen empfohlen hatten, stattdessen Obst oder Nüsse zu opfern. Palden brachte von Besuchen bei Leuten aus der Gegend oft Säcke voll mit Nüssen oder getrockneten Pfirsichen mit. So mag es den Mönchen vor fünfzehn Jahren hier durchaus passiert sein, dass sie sich nach getanem Ritual plötzlich mit einem blutenden Stück Hammel in der Hand wiederfanden. Eine der Motivationen (sicherlich eine mindere, aber doch eine), aus denen der Buddhismus entstanden ist, war die Ablehnung der tausendfachen Tieropfer der Hindus und so ist es seltsam, diese Situation hier im Kleinen wiederzufinden und zu bemerken, dass Buddhisten durchaus auch in einer fast missionierenden Rolle auftreten können.

Tsonam Tsering, ein Lama aus dem entfernten Dehra Dun, kommt in den nächsten Tagen auf Besuch. Wie viele Mönche verbringt er einen Großteil seiner Zeit auf Reisen. Die große Gemeinschaft der Mönche in Indien und darüber hinaus erlaubt vielen Mönchen viele Orte zu sehen. Meistens bleiben sie für drei bis fünf Jahre an einem Ort, bevor sie weiterziehen. Um zu studieren oder weil sie Freunde besuchen wollen, oder weil sie die Möglichkeit haben in China oder in Europa zu unterrichten. Wenn man einen Mönch fragt, was machst du?, ist die Antwort sehr oft: Ich praktiziere Dharma. Dharma ist die Gemeinschaft der Menschen, vereint in ihrem geteilten Schicksal und die Mönche sind da, dieses Schicksal erträglicher zu machen. Dharma zu praktizieren heißt, das Leben im Fluss zu halten, es Menschen zu ermöglichen nach Schicksalschlägen oder (schlechten wie guten) Veränderungen weiterzumachen. Dharma heißt aber auch Selbst-beobachtung. Zu verstehen, woher Gefühle kommen und welche Auswirkungen sie haben. Den Kreislauf von Ursprung und Wirkung zu verstehen, den wir als Karma kennen. Karma existiert im Großen – im Sinne von einer guten Tat folgt eine gute, einer schlechten Tat eine schlechte – aber auch im kleinen. Was ist der Ursprung der Gefühle in mir? Was für Auswirkungen hat es, wenn ich im Affekt handle?

Mit Mönchen zu reden und mit ihnen Zeit zu verbringen heißt oft, die eigenen Handlungen und die eigenen Gedanken unter einem wohlwollenden aber strengem Blick zu finden. Ich habe Mönche getroffen, die auf den ersten Eindruck entschieden haben, ich sei ein aggressiver Mensch (ein Urteil das zuhause von sehr wenigen über mich getroffen wird) und andere, die lange und geduldig betrachtet haben und nie Urteile gefällt haben. Man muss bereit sein, die eigenen Motive zu hinterfragen und bekommt es auch sofort zu hören, wenn man aus einem negativen Gefühl heraus handelt. Aber viele sind auch selbst sehr frei mit ihren Gefühlen und Sorgen und arbeiten darauf hin, diesen Gefühlen mit einer amüsierten Distanz zu begegnen. Palden, beispielsweise, war sehr traurig über den Tod seines Vaters, aber das Gefühl, über diese Trauer Herr werden zu müssen, das war weit strenger in ihm.

Die Mönche benutzen Unterrichtsmethoden, die an den Charakter des Schülers angepasst sind. Wenn jemand einen langsamen Geist hat, dann lernt er Mantren zu sprechen, endlose Wiederholungen zu vollführen – um seinen Geist zu disziplinieren. Er muss viele Gebote befolgen, weil man ihm keine Selbst-Diziplin zutraut. Jemand mit größerem Verständnis folgt anderen Regeln und lernt psychologische Grundlagen, um den menschlichen Geist begreifen zu können.

Palden und Tsonam waren grundverschiedene Mönche. Tsonam, klein und bullig, der früher Kampfsport und Krafttraining betrieben hatte und Kapitän des inoffiziellen Fussballteams der Exiltibeter war, war ein fähiger und kluger Mann, dem man zutrauen konnte ein Kloster zu leiten. Palden, groß, langsam und emotional, war durch seine Gutherzigkeit beeindruckend, konnte aber seine Gefühle nicht immer im Zaum halten. Trotzdem kamen die beiden bestens miteinander aus. Ich war oft bis nach Einbruch der Dunkelheit bei den beiden und gab Palden in Wort und Pantomime Englischunterricht– oder wir haben eine miserable Hollywoodkomödie auf meinem Laptop angesehen oder einfach feinere Punkte des Mönch- und Menschseins an sich debattiert.

Immer wieder kamen die beiden von „Außeneinsätzen“ zurück. Tsonam besaß ein Motorrad – bevor es ihm irgendwann am hellichten Tag gestohlen wurde. Oft waren das Dorffeste oder von Familien für eines ihrer Mitglieder bestellte Zeremonien. Manchmal waren es traurige Angelegenheiten – ein Jeep mit drei jungen Männern war in der Nacht von der Strasse abgekommen und in den Fluss gestürzt. Man konnte weder den Wagen noch die Körper der drei Männer finden, aber es wurden Zeremonien abgehalten um ihre Geister zu besänftigen und um den Gemütern von Familie und Freunden zumindest das Bisschen Frieden zu geben. Manchmal, wenn Tsonam zurückkam, konnte man ihm ansehen, dass er das Gewissen vieler Menschen auf den Schultern trug. Zwischen Gesprächen fiel er in Meditationsübungen, um seine eigene Ruhe bewahren zu können und um genug Kraft zu haben, um anderen Menschen Kraft zu spenden. In unserem europäischen Leben spielen Mönche und Seelsorger eine sehr kleine Rolle. Religion ist fast untrennbar mit einem Gefühl von Schuld verbunden – im Himalaya spielten die Mönche viele Rollen: Erhalter einer Kultur, zurückhaltende Missionare, ehrenwerte Lehrer, Vermittler zu den Geistern aber auch Psychologen, Denker. Sind sind aber auch, und das hat mich sehr überrascht, Musiker.

Eine Damaru ist eine Handtrommel. Wenn er ein Ritual durchführt, dann hält der Mönch (oder die Nonne, es gibt keinen Grund, warum nicht auch Frauen auf einem religiösen Pfad wandern können) eine verzierte Glocke in der linken Hand und die Damaru zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand. Dann beginnt der schwierige Teil. Nur aus den Handgelenken muss er diese beiden Instrumente spielen, zwei unterschiedliche Rhythmen halten und dabei noch relative komplexe Gesänge meistern. Man ist versucht zu meinen, dass das der eigentliche Grund ist, warum Mönche während ihrer Ausbildung so viel Wert auf Konzentrationsübungen legen. Meine Probleme beginnen schon, wenn es darum geht eine Damaru zu spielen. Die Damaru ist, wie viele Trommeln, ein schamanisches Instrument. Das heißt, sie wird zum Verbindungsstück zwischen der unsrigen Welt und der Geisterwelt. Indem der Mönch die Damaru spielt, versetzt er sich in Trance und kann so, nach dem Glauben der Menschen, böse Geister beschwichtigen oder den Willen der Gottheiten erkennen.

Von Reckong Peo und meinen neuen Freunden verabschiedete ich mich nur widerwillig. Aber ich wollte weiter, höher hinauf in die Berge, in die Felswüste von Spiti, wo Ngwang seiner geheimen Initiation beiwohnte. Er war einige Wochen vor mir nach Spiti gefahren – ein hochrangiger reinkarnierter Lehrer gab dort Teachings – Initiationsriten. Persönlich hatte ich bis auf Neugierde wenig Motivation dorthin zu fahren, aber die Berge hatten mich schon lange fasziniert. In viertausend Meter Höhe, abseits von den meisten Angeboten der Zivilisation…gewappnet mit meinem Inner Line Permit bestieg ich einen Bus nach Nako.

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