Geschichtenerzählen im modernen Marokko

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Sein Nachbar sieht Joha, wie er in seinem Garten verzweifelt etwas sucht. „Joha,“ ruft er ihm zu. „Was sucht du?“
„Meinen Schlafzimmerschlüssel,“ kommt die Antwort.
„Wo hast du ihn denn verloren?“
„Im Keller!“
„Äh…warum suchst du ihn dann hier?“
Joha schaut für einen Moment auf. „Wie soll ich den im Dunklen finden? Das Licht ist besser hier.“

Laut Tradition erzählt man mindestens sechs Joha Geschichten. Man erzählt sie im Wechsel. Zuerst der eine, dann der andere. Joha, den weisen Narren, kennt man in der ganzen muslimischen Welt unter verschiedenen Namen. In unseren Gefilden – in einer Überlieferung, die den Sufis zuzuschreiben ist – heißt er meistens Mullah Nasruddin.

Die Sufis bezeichnen die Geschichten gerne als philosophische Witze und es gibt Studien über die tiefere Bedeutung der Witze und ihres psychologischen Effektes. Denn Geschichtenerzählen ist ein wichtiges soziales Phänomen…es entwickelt Vorstellungskraft und Charakter. Geschichten können komplexe Ideen auf simple Art und Weise wiedergeben. Effekt haben sie definitiv auch heute noch – ich eröffne gerne Erzählabende mit ein paar Geschichten von Mullah Nasruddin. Sie brechen das Eis wunderbar. Sie haben anscheinend auch restorative Wirkung…

Salmane ist ein Literaturstudent in Marrakesch. Wir kennen uns seit einigen Jahren, nachdem er mir bei meinem ersten Besuch in der Stadt seine Wohnung zum Übernachten angeboten hat. Er brachte mich auf seinem Motorrad quer durch die Stadt und hat eine Neigung so wenig Schlaf wie möglich zu bekommen. Zwei Stunden Schlaf und der hektische Verkehr der Stadt vertragen sich nicht so gut. Salmane nahm mich auf seinem Motorrad mit zum Bahnhof und sagte mir, während der Fahrt, dass er kaum die Augen offen halten konnte.

„Erzähl mir was, damit ich wach bleibe.“

Das erste, was mir in den Sinn kam, waren die Geschichten von Mullah Nasruddin. Ich erzählte brav sechs am Stück, während Autos und Motorräder an uns vorbei durch die Strassen schossen. Salmane blieb wach.

Am Abend zuvor hatten wir gemeinsam seine Bachelorarbeit durchgelesen. Die Übersetzung und Analyse einer traditionellen Geschichten aus seiner Heimat, abgeschlossen von einem Gedicht, auf Englisch verfasst, über das Erzählen an sich.

Mit dabei war auch ein Studienkollege von Salmane, Mehdi, der uns seine Geschichte erzählte, von weisen Herrscher und seinen weisen Urteilen. Er hatte sie gelernt von Haj, einem Meister Erzähler, bei dem er in Lehre ging.

Wenn man die Artikel und die Literatur der letzten Jahre betrachtet, herrscht darin ein melancholischer Tenor. Geschichtenerzählen ist verdammt, wird in den Wirren der Moderne verschwinden. Eine Zeit lang hatte ich mich derselben modischen Melancholie verschrieben, aber solche Gefühle kommen von der älteren Generation und spiegeln wohl zum Teil auch ihre Ängste wieder. Wenn Geschichten wieder lebendig werden sollen, dann muss das über die junge Generation geschehen, die in der Moderne lebt und sie weniger überwältigend finden muss.

Mein letzter Besuch in Marrakesch hat mir gezeigt, dass das Erzählen absolut lebendig ist. Die Wege führten mich dabei sehr bald zum Café Clock.

Ein interkulturelles Café in der Kasbah. Eigentlich ist es eine Zweigstelle eines seit vielen Jahren in Fez etablierten Cafés, wurde aber von Beginn an mit eigenständigen und innovativen Ideen aufgebaut. Man mischt die marokkanischen Menüklassiker mit amerikanischen und europäischen Einflüssen durch, heuert junge englischsprechende Marokkaner als Personal an und zieht damit eine Mischung aus Touristen und jungen urbanen Marokkanern an. Das Café wird durch seine vielen Events, Musikabende und Hikayat – dem Geschichtenerzählen – zu einem wirklichen und lebendigen Treffpunkt zwischen zwei Kulturen.

Das Hikayat ist für mich – und auch für die Leitung des Cafés – das Herzstück. Haj, ein versierter Geschichtenerzähler, der früher noch auf der Jemaa el Fnaa erzählt hat, nimmt eine Gruppe von Stundenten unter seine Fittiche. Sie alle lernen ein Repertoire an Geschichten, auf Englisch und Darija, dem marokkanischen Dialekt. Diese Geschichten führen sie im Café an den Hikayat Abenden auf.

Das Projekt sucht sich ständig auszuweiten. Das Café sucht immer nach Leuten, die Ausbildung im Theater- und Schauspielbereich besitzen oder Sprechtraining und Bühnenpräsenz vermitteln können. Die Projekte dienen neben dem Erhalt der Erzähltradition auch der Stärkung von Frauen in der Gemeinschaft und dem sozialen Gefüge Marokkos.
Für ein Projekt, das vor einiger Zeit erfolgreich abgeschlossen wurde, gingen die zwei Erzählerinnen an eine Schule für Mädchen. Sie erzählten dort mit den Schülerinnen und ließen sie ihre eigenen Joha Geschichten erzählen – bloß dass Joha hier ein Mädchen war.

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Ein paar Tage bevor ich das hier schreibe waren Hajs Schüler zum ersten Mal auf der Jemaa el Fnaa und seit vielen Jahren konnte man auf dem Platz wieder Geschichten hören. Zum allerersten Mal auch aus den Mündern von zwei Frauen, Malika und Sahra. Die beiden sind die ersten Frauen die in der langen Tradition von Erzählern auf der Jemaa el Fnaa ihre Geschichten preisgegeben haben.

Die jungen Erzähler und die Tradition, die sie beleben, stellen für mich eine enorme Inspiration dar. Es ist schön mit Menschen zu sprechen, die Geschichten ernst nehmen und ein kleines Stück ihrer eigenen Tradition tragen wollen und können. Es sei jedem Besucher von Marrakesch ans Herz gelegt, am Donnerstag das Café Clock zu besuchen und das Hikayat selbst zu sehen.

Website: http://www.cafeclock.com

Fotos von Birgit Mühleder

 

Eine Version dieses Artikels erschien 2015 im Südwind Magazin.

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