Ein Jahrmarkt zum Ende der Welt – der Bahnhof von Old Delhi

(Apologies to my English speaking readers – this post is in German only – I’ll make it up with another English-only update for the next one…the images used are not my own, so thank you for the permission to use them)

In Indien ist nichts ereignislos. An einem Ort zu stehen und allein nur zu beobachten, kann schon zu Reizüberflutung führen. In Indien zu reisen, das ist etwas ganz Besonderes. Eine Zugfahrt vom Bahnhof Old Delhi – die ist etwas Extremes. Old Delhi ist so ziemlich das Epizentrum des weltlichen Chaos. In einem Buch des italienischen Journalisten Tiziano Terzani wird der Bahnhof von Old Delhi durchaus treffend als das Vorzimmer der Hölle bezeichnet.

Wenn man in der Nacht in Old Delhi unterwegs ist, kann man leicht glauben, sich in einem endlosen Strom von Flüchtlingen zu befinden, die verdammt sind ohne ein Ziel auf ewig durch die Welt zu schlurfen. Kalkiges, blendendes Licht von den generatorenbetriebenen Lampen strahlt aus winzigen Geschäften in denen sich Schatten in energischer Arbeit über Maschinen oder Stücke aus Leder, Stoff und Metall hermachen. Und auf der Strasse überall Leute. Überall. Schultern streifen aneinander, Hände streifen über Stoff oder Haut. Man riecht Schweiß und den süßlichen, betäubenden Duft von Paan. Es ist unmöglich Distanz oder auch nur die Illusion von Distanz zu wahren. Halbbeleuchtete Gesichter tauchen aus der Menge auf wie in verzerrten Momentaufnahmen – alte, zu alte Rikshafahrer denen die Anstrengung ins Gesicht geschrieben steht; fette, schweißüberströmte Männer, ihre Gesichter voll von selbstzufriedener Verachtung; eine Gruppe lachender Kindsbettler; sariverhüllte Frauen und aus den Falten taucht für einen Moment eine Wange oder ein goldringverzierter Nasenflügel auf…eine Szene irgendwo zwischen skurrilem Horror und freudigem Tummel. Wie ein Jahrmarkt zum Ende der Welt.

Der Bahnhof selbst wirkt überrannt. In der Auskunftshalle klettern Leute durch ausgebrochene Fenster, informieren sich kurz auf der überraschend modernen Infotafel, auf der alle Züge rot aufgelistet sind, und klettern durch das Fenster wieder hinaus. Coolies, Träger mit roten Halstüchern, die sie bei Bedarf zu einem Turban knoten und auf dem drei, vier übergroße Koffer balancieren, hocken in Gruppen zusammen und suchen in der Menge mit stillen Blicken nach Kundschaft. Auf den Bahnsteigen findet man oft ganze Dorfgemeinschaften, auf yatra, auf Pilgerfahrt von den entlegensten und winzigsten Dörfern. Imposante Männer und Gruppen in sich gekehrter Frauen, die oft nur untereinander flüstern und so verschlossen wirken, als machten ihre blassen Saris sie unsichtbar.

Wenn man zu lange und zu unschlüssig herumsteht, dann wird man geholfen. Ein Träger erscheint aus dem Nirgendwo und greift sich alles an Taschen, was nicht an einem festgezurrt ist und trottet wie ein geisterhafter Führer durch diese Zwischenwelt vor einem her. Vielleicht murmelt man den Namen des Zuges, den man will, vielleicht weiß er es von so, aber man trabt hinter dem Mann her und wenn es nur darum geht das Gepäck wiederzubekommen!

Man blickt sich um und sieht die Gesichter der Menschen, die um einen gehen, warten oder kauern so leer, dass man nicht weiß ob sie zufrieden sind oder hoffnungslos oder gleichgültig. Es wirkt als ob sie alle warten, nicht nur auf einen Zug, sondern auf ein unmögliches Urteil, einen Freispruch, eine kosmische Intervention.

Eine Frauenstimme kommt ab und an aus den Lautsprechern, teilt den Wartenden in melodischem Hindi und Englisch mit, welches Schicksal ihren Zügen beschert ist. Ein Schreck durchfährt einen, wenn man hört, dass dieser oder jener Zug siebzehn Stunden Verspätung haben wird. Aber hier rechnet man nicht in Minuten oder Stunden. Eine Reise ist eine Reise und die dauert nun einmal so lange, bis man ankommt.

Hindi hat viele englische Lehnwörter, so zum Beispiel auch train, der Zug. Es gab den Versuch, diese Worte zurück auf Hindi zu übersetzen und in Hindi heißt der Zug, sie, die auf Flammen und Stahl reitet. Wenn der Bahnsteig zu beben beginnt, weil so ein Monstrum, das dem indischen Ausdruck weit näher ist als dem Englischen oder Deutschen, einfährt versteht man warum.

Züge sind streng in eine Vielzahl von Klassen unterteilt. First Class Sleeper AC, First Class AC, AC Sleeper, Sleeper, Second Class, Third Class…mit Klimaanlage oder ohne? Wie viele Betten in einem Abteil? Ein immer vollgefüllter Wagen für den man keine Reservierungen braucht? Glasscheiben oder ein winziges, oft vergittertes Fenster, das als Notausgang dient und mich sehr froh stimmt, dass ich mich beim Essen zurückhalten kann? Aber egal, ich habe meine Reservierung schon lange vorher gemacht. Ohne Reservierung kann man nur dritter Klasse fahren, was keine gute Idee ist, wenn man schlafen und im Besitz seines Gepäcks bleiben will. Verkäufer, deren ganzer Körper mit Ketten und Schlössern behängt ist und die entlang der Bahnsteige patroullieren wecken eine Paranoia die halb-berechtigt und sicherlich halb gut fürs Geschäft ist.

Sie, die auf Flammen und Stahl reitet, ist eine ungeduldige Dame und so rennen Gruppen an Reisenden kreuz und quer über den Bahnsteig, suchen mit steigender Nervosität nach ihrem Wagen oder suchen auf den Sitzplatzzetteln, die auf allen Türen kleben nach ihrem Namen. Der Coolie schleppt einen auf den richtigen Platz, man feilscht um den Preis, versucht nicht derjenige zu sein, der aus der Transaktion mit Zorn hervorgeht, verstaut das Gepäck (Wertsachen zwischen einen und die Abteilwand), stimmt sich schnell mit allen Anderen ab, mit denen man das Abteil teilt, in der Hoffnung sich schnell gut zu stellen und eine ruhige Zugfahrt zu verbringen. Wenn alles erledigt ist und sich der Zug in Bewegung setzt, kann man endlich das einzige tun wodurch man in Indien in den Genuss der Einsamkeit kommt. Augen schließen und träumen.

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