Die Moschee am Ende der Welt

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Marrakesh beginnt am Place Jemaa el-Fnaa und hört vielleicht auch dort auf, nachdem der Platz in einer möglichen Übersetzung „Die Moschee am Ende der Welt“ heißt. Die Übersetzung ist umstritten („Vorhof der Moschee“ ist eine andere Möglichkeit), aber die Stimmung des Platzes macht diesen Namen eindeutig zum Besten und Treffendsten.

  Die Moschee am Ende der Welt ist ein Zirkus, ein Schauspiel und ein Fest – und das jeden Tag. Ein Spektakel, das Neuankömmlinge vielleicht befremdet, aber unmittelbar in seinen Bann zieht. Man spürt hier, dass die Arabischen Nächte, die Geschichten aus der unendlichen, der tausendundeinen Nacht, immer noch, kräftiger als bloße Erinnerungen, lebendig werden können.

  Tagsüber zeigt sich der Platz von einer touristischen Seite. Dutzend idente Stände, die man bloß an der Intensität der Verkäufer unterscheiden kann, bieten Wasser und frischgepressten Orangensaft für durstige Kehlen an. Schlangenbeschwörer enthüllen ihre entzahnten schwarzen Kobras und lassen sie zu den Bewegungen ihrer Flöten tanzen oder hängen sie zu neugierigen Touristen für ein Foto um den Arm oder den Hals. Berberäffchen in ledernem Gewand und roten Hüten zerren an ihren Leinen und ihre Besitzer warten auf leere Schulten und bildgierige Kameras. Buntgekleidete Wasserverkäufer, schon längst in Folklore versunken und ohne tagtägliche Bedeutung für die Marrakchis, leben für ein paar Dirham auf den Bildern der Besucher weiter.

  Vieles lebt in Marrakesh nur für ein paar Dirham (oder ein paar mehr). Die ärmeren der städtischen Marrokkaner besitzen oft einen sehr raschen Intellekt und wissen genau wie man die Besucher und den Inhalt ihrer Taschen einschätzen kann. Jeder ist ein Gaukler, seien es nun die Akrobaten die auf dem Platz aufeinender balancieren oder der Händler, der auf der Sicherheit, dass du seinen Preis annimmst, balanciert. Jeder ist ein Gaukler, jeder ist ein Händler, jeder ist ein Stadtführer. Alles hat seinen Preis und nichts, so mag man meinen, ist umsonst. Die Welt ist ein Marktplatz und was verkauft wird hat manchmal Substanz und ist manchmal bloß ein verwinkelter Traum.

  Nördlich des Platzes erstrecken sich die endlosen überdachten soukhs. Ein Labyrinth der Sinne und der Lügen, prachtvoller Dinge und wertlosem Müll. Wie leicht es ist, sich dort zu verlieren, inmitten von perforierten und verzierten Lampen aus Messing, Schmuck und Ohrringen in endlosen Wiederholungen und Variationen, intarsierten Holzschatullen, Bergen von tausend Arten von Datteln, saftig, trocken, hart, frisch gewaschen und glänzend, süß und herb, von Nüssen und getrockneten Früchten. Babouches? Espices? Huile d‘Argan? Tapis? Marokkanische Pantoffeln, Gewürze, Arganöl, Teppiche. Das Auge wird nicht müde, aber die Gedanken kommen langsamer nach einer halben Stunde (oder einer Stunde – oder gar zwei? Die Zeit scheint hier anders zu laufen) in den soukhs.

  Zu meiner Überraschung sind die Händler mit denen ich spreche ruhig, beinahe schüchtern. Ich hatte laute, leutselige Menschen erwartet, großspurige Araber. Aber nein, ruhig und entschlossen wird gehandelt, immer mit Stolz und beinahe Angst davor dass der Kunde geht ohne etwas zu kaufen. Die europäische Angst vor dem beweglichen Preis der Ware scheint mir plötzlich seltsam. Man will zahlen wie ein Einheimischer, sich aber nicht dem unwürdigen Feilschen unterwerfen. Dabei kann es unglaublich Spaß machen mit sorgfältig abschätzigen Kommentaren und Argumenten um sich zu werfen, Zorn und Empörtheit zu mimen, nur um dann mit einem Lachen abzuschließen. Mit dem Händler beim Tee zusammenzusitzen und sich zu unterhalten, sich gegenseitig abzuschätzen und den Preis im Kopf zu formen oder einfach über Gott und die Welt zu reden und dann zu zahlen, was verlangt wird oder was man in der Tasche hat. Als ob es etwas bedeuten würde, den richtigen Preis zu erwischen (den es oftmals nicht einmal gibt). Natürlich will man nicht fünfmal so viel zahlen, wie man sollte, aber dazu führt man ja ein Gespräch – um zu klären wie ehrlich das Gegenüber ist.

  Nach Irrwegen durch die überdachten Märkte, findet man sich endlich wieder am anderen Ende der Jemaa el-Fnaa wieder. Hier erinnert ein verhängtes Gerüst an den Bombenanschlag auf das Argana Cafe im Jahr 2011, der angeblich von einem marokkanischen Abschlag von Al Qaeda verübt wurde – das Attentat stellte eine enorme Ausnahme, und auch einen großen Schock, für die Marrakchis dar, die nur in ihrer Gastfreundlichkeit zu Extremen neigen.

  Gegen Abend erwacht die Moschee zum Ende der Welt erst richtig, wenn auch die Einheimischen auf den Platz strömen und sich das Spektakel deutlich verändert. Die Schlangenbeschwörer und Affenzüchter sind verschwunden und an ihrer Stelle findet man verschleierte Wahrsagerinnen samt ihren Karten, die Männern wie Frauen in konspirativen Tönen ihr Schicksal ins Ohr flüstern. „Haram“, also unrein, nennt das der strenge Moslem, aber den meisten Menschen wiegt die Neugier scheinbar größer als der Glaube, denn die Damen warten selten lange auf Kundschaft.

  In Gruppen stehen dort vielleicht dreißig Männer. Sie formen Kreise, aber was umkreisen sie? Die einen umkreisen zwei junge Männer, die sich gegenseitig umtanzen. Sie beide tragen dunkelrote Boxhandschuhe und schätzen einander ab. Der eigentlich Kampf ist kurz und selten heftig. Das hier ist Rekreation, kein Wettkampf. Die Handschuhe liegen am Boden und jeder kann sie aufheben und auf einen Herausforderer warten. Die Umstehenden, die wetten natürlich fleißig darauf, wer denn als Sieger aus dem Match hervorgeht.

  Musik dringt aus dem nächsten Kreis hervor. In der Mitte sitzt, um einen alten Verstärker gedrängt, eine Gruppe an Musikern mit Gesichtern, die auch an einem Feuer in der Wüste nicht allzu fremd erscheinen würden und in Lederjacken gehüllt. Die Gesichter der Zuhörer sind animiert und viele klatschen im Rhythmus oder nehmen den Refrain des Liedes auf und singen. Die Musiker wirken wie eine Gruppe Freunde, die aus der Vergangenheit gewandert kamen. Man müsste bloß das Gewand tauschen und schon würde man sich ein paar hundert Jahre in der Zeit versetzt wähnen.

  Gnawa Musiker in bunten Kostümen spielen gleich daneben und gelegentlich vermischen sich die Rhythmen in einer wilden Kakophonie, aber niemand lässt sich weiter davon stören. Der gesamte Platz hallt in einer wilden Mischung aus Tönen, Musik und Stimmen, die einen gleichermaßen aufnimmt und erfüllt.

  Eine Gruppe von Komödianten ist an diesem Abend die größte Attraktion. In drei vier Ringen stehen die Männer und die vereinzelten Frauen um sie und betrachten eine Mischung aus Schauspiel, Clownerie, Musik und Akrobatik. Sie seien im Fernsehen aufgetreten, sagt ein Mann neben mir unaufgefordert. „Marokko sucht den Superstar.“

  Auf mitgebrachten Bänken oder Teppichen sitzen vereinzelte Geschichtenerzähler und weben ihre Bilder vor den Augen der amüsierten Zuhörer. Arabisch ist eine ideale Sprache um Geschichten zu erzählen, seien sie nun aus dem Koran oder dem reichen Schatz an Erzählungen und Märchen. Gutturale Töne, herrschaftliche Gesten, aussagekräftige Blicke. Auch wenn man nichts versteht, fühlt man die Erzählung, oder stellt es sich zumindest vor.

  In einer Ecke tanzen zwei Frauen – auf den ersten Blick wirkt das seltsam und unerwartet. Frauen, die in einem islamischen Land öffentlich tanzen? Wenn man näher kommt löst sich das Rätsel. Es sind zwei Transvestiten, zwei Männer in Makeup und Schleier. Ein behinderter junger Mann kniet neben ihnen und schlägt wild auf eine Trommel. Sollen sie also eine Freakshow darstellen? Aber Behinderte werden mit größter Sorgfalt und Sorge behandelt, hier steht Marokko den zuvorkommendsten europäischen Ländern in nichts nach, also enthalte ich mich eines schnellen Urteils und beobachte. Ein Schauspiel, ein Kabaret vielleicht, entsprungen aus einer unterdrückten Fantasie. Die umstehenden Männer lachen und genießen den Tanz, hegen heimlich vielleicht ihre eigenen Fantasien von tanzenden Frauen oder ganz anderen Dingen.

 Dazwischen ziehen Bettler durch die Menge, Zigarettenverkäufer klimpern mit ihrem Wechselgeld um die Aufmerksamkeit potentieller Kunden zu erwecken und Kinder und Frauen stupsen Vorbeigehende an um ihre Ware, Tempo Taschentücher, an den Mann zu bringen.

  Die Hauptattraktion für Neuankömmlinge ist auch aufgebaut. Binnen knapp einer Stunde werden jeden Nachmittag aus dem Nichts gut fünfzig Garküchen samt Tischen und Bänken aufgebaut. Bunt angerichtet strahlen Fische, Gemüse und Kebabspieße die Besucher an und geschäftige Männer gehen mit Speisekarten gewappnet auf Kundenfang. Die Art wie Kunden überzeugt werden, in diese Bude und nicht in die nächste zu gehen, die variiert. Viele benutzen die Taktik der Übertreibung – und das in beeindruckend vielen Sprachen und Varianten. Auf Deutsch, Spanisch, Italienisch, Französisch (sowieso), Polnisch, Russisch, sogar Japanisch wissen die meisten in ihr Etablissement einzuladen. Natürlich ist hier das beste Essen und das Land aus dem der Kunde gerade kommt ist das beste Land überhaupt. Andere benutzen – durchaus sympathisch – eine ehrlichere Variante. Es gibt sowieso überall das Gleiche, also warum kommst du nicht zu mir. Sie haben recht. Jeder einzelne der Stände hat auf den Punkt die gleiche Speisekarte und eine Möglichkeit die Qualität herauszufinden ist zu beobachten, wohin es denn die meisten Marokkaner zieht. Natürlich kann es sein, dass die auch bloß Besucher in Marrakesch sind und sich ebenso hin und her gezogen fühlen. In dem Fall spaziert man einfach ziellos in die Menge und sieht, wer am Überzeugendsten ist. Inshallah. Gott wird es schon richten und mit gefüllten Magen kommt man auf jeden Fall wieder raus.

  Nach einer Mahlzeit von harira (marokkanischer Suppe), Couscous oder Tajine, Fisch oder Fleisch, kann man noch eine andere Spezialität degustieren: Gegarte Schnecken, die samt ihrer gestreiften Häuser in kochendem Wasser zubereitet und mit einem Zahnstocher serviert werden. Nachtisch gibt es an einem Teestand, wo ein starker Tee aus sieben verschiedenen Gewürzen serviert wird, der auf Wunsch noch mit einem Löffel voll tränentreibendem Kampfer verstärkt werden kann. Dazu gibt es einen bittersüßen Kuchen. Kichernd warnt mich einer der nebenstehenden Marokkaner vor dem Kuchen. „Der ist für Paare,“ sagt er und fährt dann flüsternd fort: „Da ist etwas drinnen, das sehr geil macht.“

  Jemaa el-Fnaa ist ein UNESCO Welterbe oder, genauer gesagt, ein Masterpiece of the Oral and Intangible Heritage of Humanity, ein Meisterwerk der mündlichen Überlieferungen und der nicht greifbaren kulturellen Werte der Menschheit. Der gesamte Platz und alle (oder wahrscheinlich die meisten) der auf ihm stattfindenden Aktivitäten stehen unter Schutz. Die sich Tag für Tag verändernde menschliche Landschaft des Platzes ist ein Meisterwerk an sich, eine Mischung aus Poesie und touristischer Folklore. Was denn Wahrheit ist und was Schauspiel, so eine Frage mag man sich stellen, vor allem beim Umgang mit den vielen Strassenhändlern und den etwas schattigeren Gestalten im Umkreis des Platzes, aber fraglos enthält der Platz etwas, das für Marrakesch essentiell ist.

  Auf alten Fotografien sieht man, dass die Jemaa el-Fnaa einstmals ein Platz für Händler aus den umliegenden Dörfern war, eine Karawanserai, ein Marktplatz auf dem man sich traf um Güter, ebenso wie wichtige Informationen zu tauschen. Zelte wurden aufgebaut und Menschen umkreisten Musiker, Gaukler oder Geschichtenerzähler (die damals eine nicht zu verachtende politische Macht hatten, denn sie konnten Meinungen, oft sehr subtil, transportieren und in Abwesenheit von allgemeinen Medien war die laute Stimme des Einen von recht großer Tragweite). Alles war temporär, bis auf die überdachten soukhs.

  Die Jemaa el-Fnaa ist ein Platz, an dem Kulturen aufeinandertreffen und jeder, der sie besucht wird ein Teil des endlosen Schauspiels. Marrakesch – und das werden Besucher der Medina schnell feststellen – ist eine Stadt, die um einen Markt gewachsen ist und wo Handel und Tausch das Lebenselixier der Bewohner darstellt.

  Wenn es denn einmal wahnsinniger und turbulenter wird, muss man sich bloß den Namen des Platzes in Erinnerung rufen. Es wird nicht stiller – und wohl auch nicht normaler – vor der Moschee am Ende der Welt.  

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Ein Jahrmarkt zum Ende der Welt – der Bahnhof von Old Delhi

(Apologies to my English speaking readers – this post is in German only – I’ll make it up with another English-only update for the next one…the images used are not my own, so thank you for the permission to use them)

In Indien ist nichts ereignislos. An einem Ort zu stehen und allein nur zu beobachten, kann schon zu Reizüberflutung führen. In Indien zu reisen, das ist etwas ganz Besonderes. Eine Zugfahrt vom Bahnhof Old Delhi – die ist etwas Extremes. Old Delhi ist so ziemlich das Epizentrum des weltlichen Chaos. In einem Buch des italienischen Journalisten Tiziano Terzani wird der Bahnhof von Old Delhi durchaus treffend als das Vorzimmer der Hölle bezeichnet.

Wenn man in der Nacht in Old Delhi unterwegs ist, kann man leicht glauben, sich in einem endlosen Strom von Flüchtlingen zu befinden, die verdammt sind ohne ein Ziel auf ewig durch die Welt zu schlurfen. Kalkiges, blendendes Licht von den generatorenbetriebenen Lampen strahlt aus winzigen Geschäften in denen sich Schatten in energischer Arbeit über Maschinen oder Stücke aus Leder, Stoff und Metall hermachen. Und auf der Strasse überall Leute. Überall. Schultern streifen aneinander, Hände streifen über Stoff oder Haut. Man riecht Schweiß und den süßlichen, betäubenden Duft von Paan. Es ist unmöglich Distanz oder auch nur die Illusion von Distanz zu wahren. Halbbeleuchtete Gesichter tauchen aus der Menge auf wie in verzerrten Momentaufnahmen – alte, zu alte Rikshafahrer denen die Anstrengung ins Gesicht geschrieben steht; fette, schweißüberströmte Männer, ihre Gesichter voll von selbstzufriedener Verachtung; eine Gruppe lachender Kindsbettler; sariverhüllte Frauen und aus den Falten taucht für einen Moment eine Wange oder ein goldringverzierter Nasenflügel auf…eine Szene irgendwo zwischen skurrilem Horror und freudigem Tummel. Wie ein Jahrmarkt zum Ende der Welt.

Der Bahnhof selbst wirkt überrannt. In der Auskunftshalle klettern Leute durch ausgebrochene Fenster, informieren sich kurz auf der überraschend modernen Infotafel, auf der alle Züge rot aufgelistet sind, und klettern durch das Fenster wieder hinaus. Coolies, Träger mit roten Halstüchern, die sie bei Bedarf zu einem Turban knoten und auf dem drei, vier übergroße Koffer balancieren, hocken in Gruppen zusammen und suchen in der Menge mit stillen Blicken nach Kundschaft. Auf den Bahnsteigen findet man oft ganze Dorfgemeinschaften, auf yatra, auf Pilgerfahrt von den entlegensten und winzigsten Dörfern. Imposante Männer und Gruppen in sich gekehrter Frauen, die oft nur untereinander flüstern und so verschlossen wirken, als machten ihre blassen Saris sie unsichtbar.

Wenn man zu lange und zu unschlüssig herumsteht, dann wird man geholfen. Ein Träger erscheint aus dem Nirgendwo und greift sich alles an Taschen, was nicht an einem festgezurrt ist und trottet wie ein geisterhafter Führer durch diese Zwischenwelt vor einem her. Vielleicht murmelt man den Namen des Zuges, den man will, vielleicht weiß er es von so, aber man trabt hinter dem Mann her und wenn es nur darum geht das Gepäck wiederzubekommen!

Man blickt sich um und sieht die Gesichter der Menschen, die um einen gehen, warten oder kauern so leer, dass man nicht weiß ob sie zufrieden sind oder hoffnungslos oder gleichgültig. Es wirkt als ob sie alle warten, nicht nur auf einen Zug, sondern auf ein unmögliches Urteil, einen Freispruch, eine kosmische Intervention.

Eine Frauenstimme kommt ab und an aus den Lautsprechern, teilt den Wartenden in melodischem Hindi und Englisch mit, welches Schicksal ihren Zügen beschert ist. Ein Schreck durchfährt einen, wenn man hört, dass dieser oder jener Zug siebzehn Stunden Verspätung haben wird. Aber hier rechnet man nicht in Minuten oder Stunden. Eine Reise ist eine Reise und die dauert nun einmal so lange, bis man ankommt.

Hindi hat viele englische Lehnwörter, so zum Beispiel auch train, der Zug. Es gab den Versuch, diese Worte zurück auf Hindi zu übersetzen und in Hindi heißt der Zug, sie, die auf Flammen und Stahl reitet. Wenn der Bahnsteig zu beben beginnt, weil so ein Monstrum, das dem indischen Ausdruck weit näher ist als dem Englischen oder Deutschen, einfährt versteht man warum.

Züge sind streng in eine Vielzahl von Klassen unterteilt. First Class Sleeper AC, First Class AC, AC Sleeper, Sleeper, Second Class, Third Class…mit Klimaanlage oder ohne? Wie viele Betten in einem Abteil? Ein immer vollgefüllter Wagen für den man keine Reservierungen braucht? Glasscheiben oder ein winziges, oft vergittertes Fenster, das als Notausgang dient und mich sehr froh stimmt, dass ich mich beim Essen zurückhalten kann? Aber egal, ich habe meine Reservierung schon lange vorher gemacht. Ohne Reservierung kann man nur dritter Klasse fahren, was keine gute Idee ist, wenn man schlafen und im Besitz seines Gepäcks bleiben will. Verkäufer, deren ganzer Körper mit Ketten und Schlössern behängt ist und die entlang der Bahnsteige patroullieren wecken eine Paranoia die halb-berechtigt und sicherlich halb gut fürs Geschäft ist.

Sie, die auf Flammen und Stahl reitet, ist eine ungeduldige Dame und so rennen Gruppen an Reisenden kreuz und quer über den Bahnsteig, suchen mit steigender Nervosität nach ihrem Wagen oder suchen auf den Sitzplatzzetteln, die auf allen Türen kleben nach ihrem Namen. Der Coolie schleppt einen auf den richtigen Platz, man feilscht um den Preis, versucht nicht derjenige zu sein, der aus der Transaktion mit Zorn hervorgeht, verstaut das Gepäck (Wertsachen zwischen einen und die Abteilwand), stimmt sich schnell mit allen Anderen ab, mit denen man das Abteil teilt, in der Hoffnung sich schnell gut zu stellen und eine ruhige Zugfahrt zu verbringen. Wenn alles erledigt ist und sich der Zug in Bewegung setzt, kann man endlich das einzige tun wodurch man in Indien in den Genuss der Einsamkeit kommt. Augen schließen und träumen.

Nordindien kommt nach Schwarzenbach…

…und zwar am 7. Oktober 2011, 19:30 Uhr, im Cafe Restaurant Bernhardt. Dort gibt es die nächste Fotoshow über Nordindien und den Himalaya. Eine Gelegenheit für alle, die es bisher verpasst haben oder in der Zwischenzeit durch die Lektüre des Blogs Interesse gefunden haben…und zum Einstieg gibt es die Erzählung einer 27-stündigen Busfahrt in Richtung des höchsten Bergmassivs der Welt…

Indische Busse, sind eine Sache für sich. Zwanzig-, dreißigjährige Fossile aus Eisen. Kantig, wenig vertrauenserweckend, mit einem Lenkrad, für das man die ganze Spannweite der eigenen Arme braucht. Gepäck liegt auf dem Dach verschnürt oder unter den Sitzen verstaut. Die Fenster sind verschmiert, die Sitze ziemlich hart, die Rückenlehne zu niedrig um den Kop darauf auszurasten. Es gibt, wie bei allem in Indien, Abstufungen im Komfort. Private Buslinien bieten Super Comfort Deluxe Busse mit verstellbaren Sitzen und Kilmaanlage (oft permanente Klimaanlagen, bei denen der Ausschaltknopf defekt ist um die Passagiere halbgefroren am Ziel abzuliefern), die immer ein Glüksspiel sind. Man bucht Super Comfort und wird auf halber Strecke in einen regulären Bus abgeladen oder die Busse sind in erbärmlichem Zustand und außer der Klimaanlage funktioniert gar nichts. Generell ist man besser beraten, wenn man einen der billigen regulären Busse nimmt, auch wenn Mahindra, der Herr in dem kleinen Reisebüro, wo ich wegen Bussen anfrage, mir das ausreden will.

„Nach Reckong Peo?“

„Ja.“

„Siebenundzwanzig Stunden?“

„Ja.“

„In einem regulären Bus?“

„Ja.“

„Wirklich?“

„Ja.“

Endlich tut er mich als hoffnungslosen Fall ab und gibt mir die benötigte Information. Reckong Peo ist die Distrikthauptstadt von Kinnaur, einem komplett unbekannten Flecken Indiens. Gelegen im östlichen Rand von Himachal Pradesh und ein absoluter Geheimtipp unter Reisenden.

Siebenundzwanzig Stunden Busfahrt sind auch für mich ein Rekord. Der Bus scheint zumindest nicht auf den ersten Blick auseinanderzufallen, hält aber schon bei der Ausfahrt aus der Bushaltestelle an um einen Reifen zu wechseln. Mein Gepäck ist verstaut – Rückenschmerzen sind erwartet und ich wundere mich, ob ich müde genug sein werde um zu schlafen. Orte ziehen vorbei während mein Geist leerer und leerer wird. Baijnath, Mandi, Rampur. Kleine Gärten wechseln sich ab mit überfüllten, grell bemalten Marktplätzen. Als es Nacht wird, bekomme ich eine junge Sitznachbarin, die gutes Englisch spricht. Sie ist dreizehn und spricht mit einer Weisheit und Unmittelbarkeit, die man in wenigen jungen Mädchen findet. Physik fasziniert sie, ebenso Technik. Sie fährt mit ihrer Familie, Vater und Großmutter, nach Mandi um dort ein gekauftes Auto abzuholen. Am nächsten Morgen wird die Familie stolz im neuen Auto nach Baijnath zurückfahren. Sie teilt Namkeen, gewürzte Teigwaren aus Kichererbsenmehl mit mir. Später, wir sind beide müde, fragt sie mich ob ich an Gott glaube. Viele Menschen aus dem Westen, so weiß sie, glauben nicht an Gott. Was soll ich sagen? Ich bin alleine in einem fremden Land unterwegs und steuere gerade auf das höchste Bergmassiv der Erde zu. Wie kann ich da nicht ein gewisses Urvertrauen haben? Wir einigen uns darauf, dass die Menschen im Westen vergessen haben, was Gott ist.

Stunden später, sie ist lange schon ausgestiegen, es gab einen Fahrerwechsel – sehr zu meinem Erleichtern fährt uns nicht derselbe Fahrer für die ganze Strecke. Wie das in lokalen Bussen so ist, steigen Passagiere andauernd ein und aus. Jeder Platz ist besetzt und die Leute drängen sich am Gang. Das hat sich auch in der Nacht nicht groß geändert. Jetzt wird es ein Vorteil, dass der Bus vollgestopft ist – man kann im Stehen schlafen ohne umzukippen. Mein neuer Sitznachbar schläft bereits bequem auf meiner Schulter. Menschen schlafen auf Säcken, die am Gang stehen oder breiten Decken aus. Im Halbschlaf spüre ich wie sich eine Hand fast zärtlich um mein Schienbein legt. Ich schaue hinunter und sehe einen Kopf, der sich meinen Schuh zum Polster gemacht hat. Ich würde mit den Schultern zucken, aber ich will niemanden aufwecken. Draußen ziehen Bäume vorbei, verschwinden schnell wieder in der Finsternis. Ich meine Abhänge zu erkennen. Der Bus kurvt fleißig und die Strasse steigt an. Irgendwann sinke ich in einen unruhigen Schlaf.

Weiter geht es vor Ort…freue mich auf euch am 7. Oktober in Schwarzenbach (oder am 4. November in Pitten – weitere Termine werden bald bekanntgegeben).

Majnu ka Tilla – Tibetische Seidenstrasse in einer Millionenmetropole

In Norden von Delhi, in einem Gebiet namens Majnu-ka-Tilla, lebt eine kleine Gemeinschaft von Tibetern. Die Tibeter werden seit fünfzig Jahren von den Indern aufgenommen, wenn sie ihr Heimatland aufgrund der politischen und menschlichen Umstände verlassen müssen und sich entscheiden ein neues Leben in der Präsenz des Dalai Lama zu führen.

Ihre Exilgesellschaft in Indien haben sie sich, so weit das möglich ist nach dem Muster der tibetischen Klostergesellschaft aufgebaut – die unterschiedlichen Sekten und Glaubensrichtungen besaßen in Tibet jeweils ein zentrales Kloster und ebenso haben es die religiösen Oberhäupter in Indien gehalten. Die Gelbhutsekte, denen der Dalai Lama vorsitzt, und die Exilregierung selbst hat ihren Sitz in MacLeod Ganj, einem Teil der kleinen Stadt Dharamsala. Andere Schulen finden sich in Dehradun und in Sikkim, nicht weit entfernt von den Bergen aus denen sie ursprünglich stammen, aber auch tief im Süden, in einer Stadt namens Mysore, gibt es ein Zentrum der Tibeter. In Delhi leben die Tibeter so weit als möglich isoliert vom Rest der Stadt und haben ihre eigenen Einkommensmöglichkeiten. Das Viertel haust gut und gerne vier- bis fünfhundert Sesshafte und nocheinmal etwa zwei bis dreimal so viele Durchreisende. Ein Großteil der gut sechs-, siebenstöckigen Bauten dient als Hotels oder dharamsalas, Pilgerstätten, die allen Gästen offen stehen, die meisten davon mit angeschlossenen Restaurants, die alles von traditioneller tibetischer Küche bis hin zu Pizzas servieren können. Die meisten sind in Familienbesitz. Manche sind ganz traditionell, mit winzigen Zimmern und ehrbaren Großmüttern an der Rezeption, andere sind mit großem Geschäftssinn betrieben und wieder andere dümpeln etwas gleichgültig dahin. Regiert wird es, nach indischem Vorbild, von einem panchayat, einem dörflichen Rat.

Man darf nicht den falschen Eindruck gewinnen, wenn man sagt, dass Majnu-ka-tilla eine beliebte Touristengegend ist. Man sieht hier, auf den schmalen überfüllten Gassen und in den Internet Cafes, zwar mehr weiße Gesichter als im Rest von Delhi und findet ebenso einiges an Antiquitätengeschäften, die sehr wohl einem reicheren westlichen Markt zugeschnitten scheinen, aber der Anteil an nicht-Asiaten ist doch sehr gering. Viele fühlen sich von der tibetischen Präsenz angezogen oder machen hier nur einen Zwischenstopp bevor es weitergeht nach MacLeod Ganj. Es geht verhältnismäßig ruhig und gemächlich zu, in Majnu-ka-Tilla.

Manchmal mieten sich brahmanische Studenten aus der nahegelegenen Vishwavidyala, der Universität von Delhi, ein Zimmer um dort vollkommen unbrahmanischen Verlockungen nachzugehen – Hühnerfleisch und vielleicht sogar einen Schluck Alkohol. Die Tibeter bieten auch ihnen eine momentane Freiheit von den strikten sozialen Zwängen. Bis auf solche sporadischen Gäste, sind die einzigen Inder jene, die hier nach Profit suchen. Junge Biharis oder Muslime, die als billige Arbeitskräfte von einigen der Hotels eingestellt werden. Obsthändler, die schwer beladene Karren durch die Gassen schieben, Chaiwallahs, die mit ihren Kannen voll Milchtee am Morgen herumziehen, Schuhverkäufer, Korbmacher, Zuckerwattehändler, Ohrenputzer, Rikshawallahs, die begeistert und energisch klingeln wenn sie mit schwerbeladenen Rikshas einen Gast, der auf seinen vielen
Koffern zu balancieren scheint, durch die Menschenmenge befördern. Auch Leute wie der Betreiber eines Videospielladens und Internetcafes, wo man mitunter auch junge Mönche in ihren Roben finden kann, die in den späten Abendstunden und vielleicht mit dem Hauch eines schlechten Gewissens Call of Duty oder Need for Speed spielen; sich für ein paar Stunden in einen Soldaten oder einen Rennfahrer verwandeln, bevor sie mit einem momentanen Seufzen oder erhoben vom Adrenalin der unmöglichen virtuellen Erfahrung wieder in den belebten Strassen verschwinden – sie alle kommen unter Tags nach Majnu-ka-tilla.


Dominiert wird das Viertel aber zweifellos von den Tibetern. Neben den Hotels und Restaurants gibt es kleine Essbuden und viele winzige Geschäfte, wo man tagtägliche Notwendigkeiten wie Seife, Zahnpaste, Mosquitoschutz oder die überall vorhandenen Lays Chips kaufen kann (man lernt schnell, die eigentliche Grenze einer jeden indischen Stadt noch weit vor den ersten Häusern an der Präsenz von leergegessenen, weggeworfenen Lay Chips Packungen zu erkennen). Gegenüber findet man kleine Stände, wo Plastikplanen Schatten spenden und Schuhe, Kunststoffschlapfen, Stoffe und malas, Rosenkränze, und rituelle Utensilien verkauft werden. Das ist die Hauptstrasse von Majnu-ka-tilla oder der New Aruna Nagar Colony, wie ein rostgefressenes gelbes Schild über der schmalen Gasse die von der Schnellstrasse nach Norden in die Kolonie führt, verkündet. Die Kolonie hat den Namen Aruna Nagar von Sheila Dixit, der Bürgermeisterin von Delhi, erhalten, in Ehren dafür dass die Tibeter ein ärmliches, fast elendes Viertel zu einem lebendigen und wirtschaftlich relativ erfolgreichen Ort gewandelt haben. Samyeling taufte der Dalai Lama die kleine Kolonie, von der aus Tibeter in alle Himmelsrichtungen in die Welt hinaus reisen.
Verwunderlich für Neuankömmlinge sind vielleicht die vielen Reisebüros. Fast jedes vierte Geschäft bietet Busreisen nach Mysore, Dharamsala, Rajasthan. Sie tragen oft buddhistische Namen – Dharma Tours, Three Jewels Travels – und bestehen aus einem Raum in dem zwei oder drei Männer um ein Telefon und einen Computer sitzen. Majnu-ka-tilla gibt einem das Gefühl eine Art Außenposten zu sein, ein Ort an den man kommt, wenn man auf der Durchreise ist oder Verwandte in der Gegend besucht. Manche Bewohner scherzen, Majnu-ka-Tilla sein die „moderne Seidenstrasse“, der Hauptposten auf den langen Reise- und Handelswegen der tibetischen Gemeinschaft. im 21. Jahrhundert.


Wenn man der Hauptstrasse folgt, findet man an einem Ende eine Gruppe von hohen Tamarindenbäumen. Von einem Balkon oder dem Dach eines der Hotels kann man Eichhörnchen beobachten oder Bussarde, die auf den oberen Ästen sitzen und nach Beute Ausschau halten. Man kann auch weiter blicken, über die Yamuna, den Fluss, der sich durch Delhi schlängelt. Majnu-ka-tilla liegt am Ufer der Yamuna und man kann den diesigen Sonnenaufgang beobachten – ein klarer roter Ball, der sich über die Wälder am anderen Ufer hebt und dann den ganzen Himmel rot färbt, bevor im Laufe des Tages die Abgase der Stadt zu dicht werden und kein direktes Licht mehr durchlassen. Am Ufer selbst kann man kleine Hütten sehen, die von Bauern bestellt werden solange der Boden fruchtbar ist. Bohnen und Spinat, gedeihen am einfachsten und schnellsten hier. Die Bauern sind Familien, die in rasch zusammengebauten Hütten aus Holz und Plastik leben.
Wenn im Sommer der Monsun einsetzt, wird sich der Wasserspiegel heben und die Felder und die Zelthütten wegschwemmen. Die Bauern müssen hoffen, in der Saison genug Ertrag zu machen um die Monsunzeit irgendwo überdauern zu können.
Weiter flussaufwärts kann man eine schwimmende Brücke sehen, über die ein steter Strom an Menschen und Autos fließt. Sie wird von Lufttanks getragen, die im Fluss treiben, und stellt wohl eine bescheidenere Variante der berühmten schwimmenden Brücke dar, die bis ins neunzehnte Jahrhundert beim Roten Fort die Yamuna überquerbar machte.

Auf der anderen Seite des Flusses hört die Stadt plötzlich auf. Dort sieht man nur niedrige Bäume und vereinzelte Hütten. Hin und wieder blitzen die schwarzen Karosserien von Autorikshas zwischen den Bäumen auf und wackeln dann über die holprige Sandstrasse Richtung Brücke. Männer in frisch gebügelten Hemden oder in dreckige Tücher gehüllt und mit Bündeln beladen und Frauen in Saris wandern am Strassenrand entlang, zwischen Motorrädern und den Staublawinen, die vorbeifahrende Marutis aufwerfen. Man fühlt, dass vielleicht etwas Wahres daran ist, dass Indiens Städte nur eine Menge zusammengehäufter Dörfer sind.

Was von oben schön aussieht, wird weiter unten schwer erträglich. Zwischen den Bäumen liegen Haufen von weggeworfenem Plastik und ein ekelhafter schwefeliger Gestank steigt von Wasserlacken auf. Hunde stöbern durch das Plastik und schrecken kleine Affen zurück auf die niedrigen Äste. Dazwischen Menschen, so vertieft in ein Gespräch oder ein Spiel, man könnte glauben sie sitzen im schönsten aller Parks. Überall hängt der Gestank von Abwasser und Scheisse. Gemischt mit den Abgasen, die im Laufe des Tages von der Schnellstrasse herübertreben, hat man bald das Gefühl, dass die eigene Nase taub wird.

Am anderen Ende der Hauptstrasse windet sich die Strasse und wird schmaler. Man lässt die Hotels und Restaurants hinter sich und betritt den älteren Teil der kleinen Kolonie. Kinder wandern durch die Gassen, sowohl Tibeter auf dem Weg zur Schule als auch indische Bettelkinder und Müllsammler. Viele von ihnen tragen Bündel mit Gemüse, das sie nachhause bringen oder, im Falle der Ärmeren, Plastikflaschen, die sie sammeln um die dann für ein paar Rupien an Geschäftsleute, die es weiterverwenden können, zu verkaufen. Recycling wird in indischen Städten von den Ärmsten betrieben und stellt für viele ihre Einnahmensquelle dar. Es gibt auch in dieser Berufssparte Spezialisten, wie die jungen Männer, die alles nach Kupfer- und Messingdrähten durchforsten, die als stromleitendes Material einen hohen Preis bringen können. Unter den Tibetern gibt es de facto keine Bettler. Durch Fenster und Türen kann man in Werkstätten blicken wo Gruppen von Männern Metall und Blech zu Kelchen und Ritualgegenständen formen, die dann in einem der vielen Geschäfte verkauft werden. Man wirtschaftet hier mit einem klaren Blick auf Autonomie – die Tibeter produzieren kaum etwas, was den Indern im Rest von Delhi Nutzen bringen könnte, sondern alles wird für die kleine Kolonie und ihre Bewohner, ständig oder vorübergehend, gefertigt.


Durch die windenden Gassen erreicht man einen Ort wo es neben den vielstöckigen modernen Bauten noch andere gibt. Die Kolonie ist knapp fünfzig Jahre alt. Die indische Regierung stellte den ersten tibetischen Flüchtlingen das Sumpfland am Ufer der Yamuna zur Verfügung und die ersten dort errichteten Häuser haben sich einen leichten tibetischen Touch erhalten. Ein Erd- und ein Obergeschoss, verbunden mit einer Treppe und hölzernen Leitern. Das beste Beispiel ist eines der größten Häuser der Kolonie – in eben diesem Stil errichtet besitzt es sogar einen kleinen Garten mit einem dürren Baum, auch wenn es schwer ist, den unter all dem Plastikmüll als Garten zu erkennen. Das Haus gehört, wie ich später erfahren darf, dem obersten Lama des tantrischen Tempels.
Majnu-ka-tilla besitzt zwei Tempel. Einen regulären und einen tantrischen. Der Unterschied zwischen Tantra und regulärem tibetischem Buddhismus ist relativ komplex, kann aber so zusammengefasst werden: ein tantrischer Mönch sieht die Welt nicht als etwas an was durch Askese gemieden werden muss, sondern er erlangt seine spirituellen Reichtum durch direkte Interaktion mit der Welt. Entstanden aus der schamanischen Tradition der Bön, stellt Tantrismus heute eine geachtete Alternative zu „regulärem“ Buddhismus dar. Ein tantrischer Mönch darf eine Familie gründen und Alkohol und Fleisch zu sich nehmen. Unter Mönchen und Laien gilt der tantrische Weg als der schwierigere, auf den sich nur sehr gefestigte Persönlichkeiten wagen können.


Die beiden Tempel lassen sich von außen und vom ungeübten Auge nicht unterscheiden. Sie stehen nebeneinander auf einem großen Platz, der von den Bewohnern von Majnu-ka-tilla für Zusammenkünfte und Zeremonien genutzt wird. Die Türen zu beiden Tempeln sind mit Vorhängen verhangen und von außen hört man hin und wieder rhythmisches Trommeln aus dem Inneren. Die Tempel sind aus farbigem und lackiertem Stein erbaut – Verzierungen auf dem Dach, das Rad und die beiden Rehe, verweisen auf Buddha und seine erste Predigt, die er im Deer Park, dem Rehpark, gehalten hat und bei der alle seine Zuhörer der Legende nach Tiere waren. Buddha wird in der Skulptur, einer indischen Tradition folgend, oft als Rad oder als Fußabdruck, als Bettelschale oder als Baum dargestellt.

Im Inneren der Tempel findet sich ein anderes Bild – kein karger Symbolismus mehr, denn dort findet sich eine verwirrende Vielfalt an Götterbildern, Statuen, Personen. Sie stehen in mehreren Reihen und tragen of khagtas, die weißen Schals, die als Glücksbringer bei Zeremonien ausgetauscht werden, um ihre Schultern gewickelt. Kleine, vielleicht dreißig Zentimeter große Figuren aus Holz, Ton oder auch Metall, die jene Lehrer und Weise darstellt, die Träger und Erhalter der Weisheit der ersten Erleuchteten waren.
Eine goldblattverzierte Figur mit den Attributen eines Heiligen steht im Hintergrund, davor kleinere, gröbere Figuren aus Ton, ihr Ausdruck irgendwo zwischen verzückt und tiefernst, gehüllt in dunkelroten Stoff oder einen weißen khagta. Je weiter man dern Reihen nach vorne folgt, umso lebensechter werden die Gesichter, umso weiter reist man in der Zeit nach vorne, bis man schließlich bei den an die vordersten Figuren gelehnten Fotos ankommt; man verfolgt die Reinkarnationen von grobem Ton, über immer feinere Schnitzereien, bis hin zu den klaren, unmissverständlichen Zügen auf den Fotografien.

Eine spirituelle Reise durch die Zeit und ein anderer, zweckmäßiger Blick auf den Fortschritt der Technik. Hier ist sie nicht Selbstzweck, sondern dient dem Ausdruck des Menschlichen, des Glaubens.

Die Tibeter legen in der religiösen Überlieferung enormen Wert auf die sogenannte Transmissionslinie. Ganz kurz: Menschen sind alle im Kreislauf des Lebens, in Samsara, gebunden. Laut der einfachsten mönchischen Tradition gibt es einen Kreislauf der Wiedergeburten, bestimmt von Karma, der Balance der guten und schlechten Handlungen eines Lebens. Die religiösen Meister sollen sich so weit entwickelt haben, dass sie diesen Kreislauf durchbrechen können und ihre Wiedergeburt selbst bestimmen können. Der Geist des Meisters und damit all sein Wissen wird im realen Sinne übertragen – ein Wiedergeburt findet statt und die Linie dieses Meisters besteht weiter. In vielen Tempeln sieht man kleine Tonfiguren oder in schmucke Roben gekleidete kleine Statuen, die eben diese Linie darstellen sollen. Fast alle Linien lassen sich auf große Persönlichkeiten aus der tibetischen Geschichte zurückführen und stellen so, neben der religiösen Bedeutung, auch eine geschichtliche Aufzeichnung dar, insbesondere da es in der tibetischen
Tradition beinahe keine Geschichtsschreibung gibt, die sich nicht ins Mythische verläuft.

Neben diesem spirituellen Stammbaum findet man in Tempeln Statuen der verschiedenen Inkarnationen und Aspekte des Buddha. Religionsgeschichtlich vermutet man, dass diese unterschiedlichen Aspekte im Frühen Mittelalter aus der Vermischung des aus Indien kommenden Buddhismus mit den lokalen Traditionen der Tibeter entstanden sind, aber im esoterischen Glauben repräsentieren sie die sogenannten Bodhisattvas – also vollkommen realisierte Persönlichkeiten, die es durch ihr eigenes Vermögen geschaft haben aus dem Kreislauf auszubrechen. Es gibt im tibetischen Glauben eine Vielzahl solcher Bodhisattvas, aber am Häufigsten abgebildet findet man Avalokiteshvara, den ursprünglichen Bodhisattva und Ausdruck des Mitgefühls aller Buddhas, und Padmasambhava, den Gründer der buddhistischen Tradition in Tibet.

Die Tempel werden von zwei kleinen Gruppen von Mönchen gepflegt. Unter Tags sieht man sie meistens bei kleinen Arbeiten wie dem Putzen von rituell benutzten Schalen oder im Gespräch mit Menschen aus der Kolonie, die sie ansuchen ihre Bitten und Wünsche an die Gottheiten weiterzuleiten. Einen Großteil ihres Tages verbringen die Mönche im Gebet oder im Ritual. Rituale für Kranke, für Menschen, die sich auf eine Reise vorbereiten, für eben Verstorbene, für Hochzeiten, Geburten…die Mönche haben immer zu tun.

Das Chaos indischer Städt entsteht vor allem durch die Unfähigkeit Menschen und Dinge zuzuordnen. Wenn man beginnt zu verstehen, dass alles aus einer Vielzahl von eigentlich sehr streng geordneten Gemeinschaften besteht, löst sich auch der schwindelerregende Eindruck aus, den ein Ort wie Delhi auf den ersten Blick in einem auslöst. Majnu-ka-Tilla ist ein guter Ort, sich von so einem kulturbedingten Schwindel zu erholen und die Stadt, Stück für Stück, besser zu verstehen.

Welcome to India

Indien ist nicht freundlich zu Neuankömmlingen, warnt Suketu Mehta in seinem Buch Bombay: Maximum City. Es gibt einfach zuviel was sie nicht wissen. Begonnen bei schlagfertigen Sandwichverkäufern im Indira Gandhi Airport, die einfach erfragt haben, was denn ein Flughafensandwich in Europa kostet und dann einfach zehn Euro von den leicht schockierten und beklommenen Weißen einstecken, kann Indien ein Kampf für den Unkundigen sein.

Heute hat sich vieles verändert, denn Information fließt leichter und schneller, aber meinen ersten Besuch in Indien in 2003 werde ich in guter Erinnerung behalten.

„Welcome to India“ – ein Kopf schob sich unerwarteter Weise von unten ins Fenster meines Taxis, als ob der Besitzer besagten Kopfes vor dem Wagen am Boden gekauert hatte. Er öffnete mir die Tür und wartete darauf, dass eines meiner Gepäckstücke in Griffweite kam und er es sich über die Schulter schwingen konnte.

Ich war misstrauisch. Es war mein erster Besuch in Delhi. Ich war damals zweiundzwanzig und dachte ich kenne asiatische Verhältnisse von Aufenthalten in Thailand und Malaysien, aber nichts kann einen auf Indien wirklich vorbereiten.

Mein Taxifahrer vermied meinen Blick. Er war schuldbewusst. Zwanzig Minuten zuvor hatte er versucht mich zusammen mit einem Con-Artist, einem Betrüger, in das falsche Hotel zu locken, das ihm und seinem Komplizen ein paar Rupien an Provision anbot, Gäste von außerhalb (und das schließt Inder ebenso ein wie ratlose Europäer) in ihr Hotel zu lotsen. Provisionshaie sind überall in Asien zu finden, aber in Delhi machen sie das ganz unverschämt. Am Flughafen wird das Taxi zwar zumindest nominell von der Polizei kontrolliert, aber so hält der Fahrer einfach an einem Ort knapp nach dem Flughafen, wo eine Gruppe an Männer steht und auf diese Taxis wartet. Kurzerhand springt dann einer von ihnen in das Taxi und beginnt eine Konversation mit dem Neuankömmling. Im Falle von Westlern, die meistens ohnehin bereits in ihrem Reiseführer blättern und verzweifelt nach Tipps suchen, wie man mit so einer Situation denn kulturgemäß fertig werden soll, fällt das nicht schwer. Er sagt er will helfen oder er will sich den Reiseführer ansehen und wenn er dann den Namen des Hotels aus einem herausbekommen hat, dann verzieht er das Gesicht, setzt eine nachdenklich oder abschätzige Miene auf.

„Nein, nein, das Hotel gibt es schon lange nicht mehr.“ „Dort ist alles voll.“ „Das ist letzte Woche abgebrannt.“

Aber kein Problem, er hat eine Lösung. Aufs Stichwort kurvt das Taxi in einen der schäbigeren Bezirke von Delhi. Durch kleine Gassen, vorbei an Schlaglöchern und Schutthaufen. Selbst in der Nacht sind die Strassen belebt. Weigekleidete Gestalten schimmern in den Scheinwerfern auf und verschwinden als Schemen im Dunkel. Die Augen von Kühen oder Hunden strahlen einem aus Sackgassen und leeren Torbögen entgegen. Menschen stehen und starren, scheinbar unbeweglich, am Punkt festgemacht und nur mit Neugierde versehen. Das Taxi holpert weiter und bleibt schließlich vor einer Tür stehen. Ein großes, unbeleuchtetes Schild darüber ist schwer zu entziffern, aber man macht die Worte Hotel oder Lodge oder Guest House aus. Drinnen, hinter der Theke warten schon die Besitzer, auf ihren Gesichtern das vage überlegene Lächeln von Menschen, die sich sicher sind jemanden schon erfolgreich betrogen  zu haben. Nein, das ist nicht das Hotel dass Sie suchen, lieber Gast. Aber wir sind besser. Geben Sie mir einmal die Nummer, bitte.

Der Mann am Check-In Schalter schnappt sich den Reiseführer und als er bemerkt, dass ich ihn genau beobachte hält er sogar seine Hand so, dass ich die Zahlenscheibe des Telefons nicht erkennen kann. Ich kann mir ein Augenrollen kaum verkneifen, denke aber dass das Ganze am Schnellsten vorbei geht, wenn ich mitspiele und sie ins Leere laufen lasse.

Er drückt mir den Hörer in die Hand. Das Guest House in dem ich ein Zimmer bestellt habe und zu dem mich der Taxifahrer eigentlich hätte bringen sollen, das wird von einem tibetischen Paar betrieben aber die Stimme, die sich meldet ist deutlich indisch. Ich frage nach Thupten, dem Namen des Mannes mit dem ich E-Mails ausgetauscht habe. Er habe aufgehört hier zu arbeiten und überhaupt kenne der Mann am anderen Ende der Leitung keinen Thupten aber ich spreche sicher mit dem richtigen Hotel.

Jetzt reißt mir der Geduldsfaden. Ich stelle mir vor, der Mann mit dem ich spreche sitzt irgendwo im nächsten Raum und das selbstgefällige Lächeln auf den Gesichtern um mich wird mir zu blöd. Zuerst fahre ich den Mann über Telefon an, dann den Mann, der mich hergelotst hat. Ich will das idiotische Spiel nur zu Ende bringen, aber der Ärger überkommt mich. Hände werden entschuldigend gehoben, Blicke zu Boden gesenkt. Man führt mich fast freundlich wieder hinaus und zurück in das Taxi, bietet mir eine Zigarette an und das Taxi holpert weiter, diesmal nur mit mir und dem Fahrer. Immer noch zornig, rede ich so lange auf den Fahrer ein, bis er mich bittet doch endlich aufzuhören mit ihm zu schimpfen.

Ich lehne mich zurück, aber der Ärger, angefacht durch die Spannung in einem fremden Land zu sein und die Müdigkeit von einem langen Flug, legt sich nur langsam. Fast wäre ich den Mann, der mich freundlich willkommen heißt und nun meinen großen Rucksack in mein ursprünglich reserviertes Hotel schleppt genauso angefahren.

„Welcome to India.“

Keine Gruppenreisen, kein Luxushotel, keine gemieteten Wägen. Ich reise alleine, bloß mit einem Rucksack und neugierig auf die Welt. Ich reise in klapprigen Bussen, vollgestopften Zügen, Rikshas, schlafe in oft winzigen Räumen. Ich lebe von Tag zu Tag auf den Reisen, weit weg von jeglichem Alltag. Erschöpfend, begeisternd, manchmal gefährlich und immer interessant.