Tenzin und der Wunsch nach Europa

Dieser Eintrag setzt die Geschichte fort, die ich mit “Der tibetische Bettler” begonnen habe. Unerwarteterweise (wie eigentlich alles in Indien) komme ich meiner Absicht mehr über die tibetische Exilkultur zu erfahren näher.

Ich wunderte mich mehrere Tage darüber, wie ich so etwas am Besten angehen könnte. In der Zwischenzeit besuchte ich ein paar der Mughal Ruinen, recherchierte die Geschichte der Stadt so weit mir das möglich war und machte ein paar Fotos. Ich war in einer der schlimmsten Hitzeperioden der vergangenen dreißig Jahre in die Stadt gekommen. Das machte jegliche Erkundung schwierig. Für zwei Tage kletterte der Thermometer sogar bis an die fünfzig Grad Celsius Grenze. An solche Tagen konnte man nur im Bett liegen und mehr oder weniger sanft vor sich hin schmelzen. Am Nachmittag, meistens hungergetrieben, erhob ich mich trotzdem und nahm die Metro in die Stadt. Dort fotografierte ich für ein paar Stunden, wanderte in der relativen Ruhe der alten Monumente herum oder setze mich in ein dunkles, gekühltes Restaurant und aß ein paar Bissen.

Es war sehr interessant die Mogulenvergangenheit der Stadt näher zu erkunden und die verblüffende Speichelleckerei des Gandhi Museum zu erfahren, das mehr dem Schrein eines Heiligen glich als einem Museum. Delhi besitzt auch ein vernachlässigtes, aber trotzdem fabelhaftes Nationalmuseum. Das alles half mir meine Tage sinnvoll zu machen, aber ich hatte immer noch keine Ahnung, wie ich meinen Plan mehr über Majnu-ka-tillas Bewohner herauszufinden, verwirklichen sollte.

Eines Abends aber war mir das Schicksal hold. Ich saß in einem Internetcafe und las gerade vom Absturz der Maschine des polnischen Präsidenten Kasczinsky und schrieb einigen polnischen Freunden, die von der Tragödie ziemlich getroffen waren, als mich ein junger Tibeter ansprach. Es tut ihm leid mich zu stören, aber er suche nach jemanden, der ihm helfen könnte Formulare für einen Visa-antrag korrekt auszufüllen. Die Formulare waren auf Englisch und weder er noch seine Freunde waren sich ganz sicher und einen Fehler zu machen würde heißen, das Ganze noch einmal machen zu müssen und viel Zeit zu verlieren. Ich zahlte schnell und war sofort draußen. So lernte ich Tenzin kennen.

Tenzin war kaum so lange in Indien wie ich selbst. Einige Tage davor war er aus Nepal, wo er als Englischlehrer in einer Schule in der Nähe von Kathmandu gearbeitet hatte, nach Delhi geflogen. Befreundete lamas, tibetische Mönche, hatte ihn gerufen. Sie waren auf eine buddhistische Konferenz in die Slowakei eingeladen worden und brauchten einen Übersetzer. Tenzin hatte Erfahrung darin. Drei Jahre zuvor hatte er eine ähnliche Gruppe nach Ungarn begleitet und für sie übersetzt. Jetzt stand ich mit ihm und zweien der Mönche vor dem Internet Cafe und sie beschrieben mir die Lage. Die beiden hatten noch nie um ein Visum angesucht, waren selbst kaum zwei Tage hier, waren noch nie in Europa. Alles was sie an Nervosität zeigten, war ein gelegentliches unsicheres Lachen. Sie warteten auf den Head Lama, ihren spirituellen Vorgesetzten, der wohl mehr über die Organisation wusste. Aber bis der hier war brauchten sie ihre Visas.

Kann so schwer nicht sein, denkt man, irrt sich dabei aber gehörig. Zuallererst einmal haben Tibeter strikt gesehen keine Pässe. Offiziell existiert Tibet nicht mehr. Die Tibeter haben entweder, wie die beiden Mönche, Registrierungskarten des Staates Indien, die sie als Flüchtlinge mit temporären Staatsrechten ausweisen oder sie haben, wie Tenzin, einen nepalesischen Pass, den manche auch unter falschem Namen führen. Um jetzt ein Schengen Visum zu bekommen brauchen sie diesen Pass, eine Einladung von einer Person aus dem Zielland, Kontake im Zielland, ein gültiges Hin- und Rückflugticket und Nachweis darüber das alle ihre Kosten während des Aufenthaltes in diesem Land gedeckt sind.

So weit, so gut. Tenzin und ich trafen uns mehrere Male in Restaurants und Hotels um alle Formalitäten zu klären und die Formulare so korrekt wie möglich auszufüllen. Sie hatten offizielle Einladungen, alle Rechnungen waren gedeckt. Es schien alles zu stimmen. Ich war jetzt selbst auch nicht sofort überzeugt, dass alles was mir Tenzin erzählte absolut wahr wäre. In Indien, so habe ich während meiner Aufenthalte gelernt, ist es gut jedem und allem mit einer Initialdosis Misstrauen zu begegnen. So lange man sich davon nicht überwältigen und blenden lässt…eine Wissenschaft an sich. Ich unterhielt mich viel mit Tenzin, zum einen weil ich ihn kennenlernen wollte, zum anderen weil ich auch genug Vertrauen aufbauen wollte, dass er mir bei meinem Vorhaben helfen würde. Er war ein sympathischer und offener Mann, zwei Jahre jünger als ich. Sehr impulsiv und oft auch unverantwortlich, für meine Begriffe, aber ich durfte bald lernen, dass das was wir als Verantwortlichkeit bezeichnen im tibetischen Rahmen nicht wirklich existiert. Er hatte seine Arbeit in Kathmandu aufgegeben und sein ganzes Geld für den Flug nach Delhi ausgegeben. Kein Nachdenken darüber, wie und wo er leben sollte, wie er essen würde. Er lebte sehr spontan – wenn Geld da war, wurde es ausgegeben. Wenn kein Geld da war, dann wurde nach Möglichkeiten gesucht Geld zu machen.

Bekanntschaften waren natürlich eine Art zu Geld zu kommen. Vor allem westliche Bekanntschaften. Die meisten Freundschaften und Bekanntschaften mit Indern oder Tibetern kommen irgendwann zu dem Punkt an dem man nach Geld gefragt wird. Man kann das jetzt sehen wie man will. Wird man aufs Widerlichste ausgenutzt? Wir man nur als wandernde Brieftasche gesehen? Oder ist man eben der reiche Freund, den man um Geld fragen kann weil er es hat? Es passiert genauso bei Tibetern untereinander…wenn einer Geld hat, ist das das Schlimmste was ihm passieren kann. Alle bitten ihn ununterbrochen um Unterstützung und es wird erwartet, dass er beim Essen einlädt. Persönlich will ich, das solche Freundschaften über Geld hinausgehen und habe im Laufe der Zeit einen etwas asiatischeren Zugang zum Geld entwickelt. Wenn ich habe, gebe ich. Wenn nicht, muss ich genauso arbeiten oder bitten.

Das Geld ist ein Knackpunkt für viele. Ich habe unzählige Konversationen darüber geführt und ebenso unzählige Beschwerden gehört. Die Inder betrügen, die sehen einen nur als wandelnde Geldbörse. Vor allem von Menschen, die mit hohen spirituellen Idealen nach Indien kommen oder humanitäre Arbeit mit Tibetern leisten wollen – viele werden enttäuscht, desillusioniert und kommen mit der Überzeugung zurück, dass sie dort nur ausgenutzt werden.

Man muss sich hier die Realität der Menschen vor Augen halten. Sicherheiten gibt es in Indien keine, außer man besitzt Geld. Von den vielen Menschen in den Tempeln betet ein Großteil sicher immer wofür? Für Geld. Indien hat nicht eine, sondern zwei Gottheiten, die für Geld und finanziellen Wohlstand zuständig sind. Lakshmi und Ganesha.

In Zahlen: Mehr als neunzig Prozent der Inder haben keinerlei finanzielle Versicherung. Sie leben von ihrer Hände Arbeit, oft von Tag zu Tag. Jemand, der in diesem Umfeld eine Gelegenheit mehr Geld zu machen verstreichen lässt, dem ist nach dem allgemeinen Urteil nicht zu helfen.

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Der tibetische Bettler

In Majnu-ka-tilla durfte ich einige interessante Begegnungen machen. Eine der dunkleren Seiten der Kolonie begegnete mir in Form eines schwarzen Schafes der kleinen Gemeinschaft. Ein Mann sprach mich an als ich auf dem Platz vor den beiden Tempeln saß. Er war klein, aber kräftig, nur sein Blick war seltsam leer. Er sprach mich auf Englisch an und wir unterhielten uns eine Weile. Als erstes sah ich, dass der Mann betrunken war…ein paar Momente später sah ich, dass das nicht ganz richtig war. Er war nicht so sehr betrunken, sondern er schien einen etwas nüchterneren Moment zwischen zwei Flaschen erwischt zu haben um mit mir zu reden. Sein Kopf war gesenkt und sein Blick war auf irgendeine verborgene Qual tief in seinem Geist gerichtet. Er sprach gutes Englisch, brüchig eher nur durch seinen Sprechrhythmus, der sprudelte und versiegte, sprudelte und versiegte. Seine Ausbrüche waren heftig, fast aggressiv, aber er schwand ebeso schnell wieder in Entschuldigungen und Abschwächungen. Er sei kein Bettler, sagte er mir fast zornig, als hätte ich es ihm vorgeworfen, und wenn es eines gäbe was ich über Tibeter wissen sollte, dann das: Tibeter betteln nicht! Er sprach weiter davon wie gut es sei, dass ich hierhergekommen war und den Tempel besucht hatte und er entschuldigte sich immer wieder – für sich selbst, für dieses, für jenes, für die Sonne, für den Mond. Für einen Moment ging er in eines der Geschäfte, wollte Tee holen – als er verschwunden war, flüsterte mir der Tibeter, der neben mir auf der Bank saß zu, ich solle dem Kerl nicht zuhören, er sei wahnsinnig. Als er wiederkam, hatte er den Tee vergessen, was aber höchst animiert und stieß ein paar Worte hervor – The Chinese People’s Police—und der Rest ging in einem finsteren Murmeln unter. Er war jetzt sehr niedergeschlagen. Er sei nutzlos, sagte er zu mir, können nichts tun und überlebte nur weil sich Leute um ihn kümmern. Dann streckte er seine Hände aus, zu einer Schale geformt. Ob ich ihm denn nicht helfen konnte. Es war klar, er hasste sich in diesem Moment selber, hasste es betteln zu müssen. Ich gab ihm ein paar Rupien und musste aufstehen und gehen.

Ich sah ihn später wieder, auf der Strasse, torkelnd oder die Welt aus zusammengekniffenen, zweifelnden Augen beobachten. Manchmal ging er neben Touristen, führte ein ähnliches Spiel aus Selbsthass und Bedürftigkeit auf. Manchmal sah ich ihn wie er für eine Gruppe lachender Tibeter einen ungelenken, sehr bemitleidenswerten Tanz aufführte. Er wurde für mich ein Bild für das, worüber alle in Majnu-ka-tilla lieber schweigen wollten. Die Schwierigkeit fremd zu sein, das lange und unabwendbare Leid, das eigene Zuhause verloren zu haben. Die Qualen und Gefahren, mit denen Tibeter auch heute noch leben. Kaum jemand sprach davon, weil sich die eigene Geschichte kaum von der des anderen unterschied. Mit einem Menschen, der vielleicht später aus derselben Region geflüchtet ist kann man sich kurz austauschen – wie es diesem und jenem geht, ob etwas zerstört wurde, Dinge die man direkt sagen kann, aber nicht in e-mails oder am Telefon.

Danach wurden manche Dinge deutlicher für mich. Ich sah Werbung an den Internetcafes – sieben Rupien die Minute für einen Anruf nach Tibet. Als ich einmal nachfragte, sagte man mir, dass es manchmal funktionierte die Menschen zuhause anzurufen und manchmal die Telefone blockiert waren. An den Wänden hingen Zettel auf denen man blutig geschlagene Gesichter sehen konnte. Politische Gefangene. Wie war die Situation in Tibet im Moment? War das Propaganda, oder Realität?

Ich wurde neugieriger. Ich wollte wissen, was die Leute zu erzählen haben. Aber wie sollte ich diese Barrieren, die ganz deutlich da waren, überwinden? Kann ich einfach jemanden auf der Strasse fragen ob er mir seine Geschichte erzählen will? Wie kann man zu den Leuten genug Vertrauen afbauen um etwas mehr als nur die normale Touristengeschichte zu bekommen?

Majnu ka Tilla – Tibetische Seidenstrasse in einer Millionenmetropole

In Norden von Delhi, in einem Gebiet namens Majnu-ka-Tilla, lebt eine kleine Gemeinschaft von Tibetern. Die Tibeter werden seit fünfzig Jahren von den Indern aufgenommen, wenn sie ihr Heimatland aufgrund der politischen und menschlichen Umstände verlassen müssen und sich entscheiden ein neues Leben in der Präsenz des Dalai Lama zu führen.

Ihre Exilgesellschaft in Indien haben sie sich, so weit das möglich ist nach dem Muster der tibetischen Klostergesellschaft aufgebaut – die unterschiedlichen Sekten und Glaubensrichtungen besaßen in Tibet jeweils ein zentrales Kloster und ebenso haben es die religiösen Oberhäupter in Indien gehalten. Die Gelbhutsekte, denen der Dalai Lama vorsitzt, und die Exilregierung selbst hat ihren Sitz in MacLeod Ganj, einem Teil der kleinen Stadt Dharamsala. Andere Schulen finden sich in Dehradun und in Sikkim, nicht weit entfernt von den Bergen aus denen sie ursprünglich stammen, aber auch tief im Süden, in einer Stadt namens Mysore, gibt es ein Zentrum der Tibeter. In Delhi leben die Tibeter so weit als möglich isoliert vom Rest der Stadt und haben ihre eigenen Einkommensmöglichkeiten. Das Viertel haust gut und gerne vier- bis fünfhundert Sesshafte und nocheinmal etwa zwei bis dreimal so viele Durchreisende. Ein Großteil der gut sechs-, siebenstöckigen Bauten dient als Hotels oder dharamsalas, Pilgerstätten, die allen Gästen offen stehen, die meisten davon mit angeschlossenen Restaurants, die alles von traditioneller tibetischer Küche bis hin zu Pizzas servieren können. Die meisten sind in Familienbesitz. Manche sind ganz traditionell, mit winzigen Zimmern und ehrbaren Großmüttern an der Rezeption, andere sind mit großem Geschäftssinn betrieben und wieder andere dümpeln etwas gleichgültig dahin. Regiert wird es, nach indischem Vorbild, von einem panchayat, einem dörflichen Rat.

Man darf nicht den falschen Eindruck gewinnen, wenn man sagt, dass Majnu-ka-tilla eine beliebte Touristengegend ist. Man sieht hier, auf den schmalen überfüllten Gassen und in den Internet Cafes, zwar mehr weiße Gesichter als im Rest von Delhi und findet ebenso einiges an Antiquitätengeschäften, die sehr wohl einem reicheren westlichen Markt zugeschnitten scheinen, aber der Anteil an nicht-Asiaten ist doch sehr gering. Viele fühlen sich von der tibetischen Präsenz angezogen oder machen hier nur einen Zwischenstopp bevor es weitergeht nach MacLeod Ganj. Es geht verhältnismäßig ruhig und gemächlich zu, in Majnu-ka-Tilla.

Manchmal mieten sich brahmanische Studenten aus der nahegelegenen Vishwavidyala, der Universität von Delhi, ein Zimmer um dort vollkommen unbrahmanischen Verlockungen nachzugehen – Hühnerfleisch und vielleicht sogar einen Schluck Alkohol. Die Tibeter bieten auch ihnen eine momentane Freiheit von den strikten sozialen Zwängen. Bis auf solche sporadischen Gäste, sind die einzigen Inder jene, die hier nach Profit suchen. Junge Biharis oder Muslime, die als billige Arbeitskräfte von einigen der Hotels eingestellt werden. Obsthändler, die schwer beladene Karren durch die Gassen schieben, Chaiwallahs, die mit ihren Kannen voll Milchtee am Morgen herumziehen, Schuhverkäufer, Korbmacher, Zuckerwattehändler, Ohrenputzer, Rikshawallahs, die begeistert und energisch klingeln wenn sie mit schwerbeladenen Rikshas einen Gast, der auf seinen vielen
Koffern zu balancieren scheint, durch die Menschenmenge befördern. Auch Leute wie der Betreiber eines Videospielladens und Internetcafes, wo man mitunter auch junge Mönche in ihren Roben finden kann, die in den späten Abendstunden und vielleicht mit dem Hauch eines schlechten Gewissens Call of Duty oder Need for Speed spielen; sich für ein paar Stunden in einen Soldaten oder einen Rennfahrer verwandeln, bevor sie mit einem momentanen Seufzen oder erhoben vom Adrenalin der unmöglichen virtuellen Erfahrung wieder in den belebten Strassen verschwinden – sie alle kommen unter Tags nach Majnu-ka-tilla.


Dominiert wird das Viertel aber zweifellos von den Tibetern. Neben den Hotels und Restaurants gibt es kleine Essbuden und viele winzige Geschäfte, wo man tagtägliche Notwendigkeiten wie Seife, Zahnpaste, Mosquitoschutz oder die überall vorhandenen Lays Chips kaufen kann (man lernt schnell, die eigentliche Grenze einer jeden indischen Stadt noch weit vor den ersten Häusern an der Präsenz von leergegessenen, weggeworfenen Lay Chips Packungen zu erkennen). Gegenüber findet man kleine Stände, wo Plastikplanen Schatten spenden und Schuhe, Kunststoffschlapfen, Stoffe und malas, Rosenkränze, und rituelle Utensilien verkauft werden. Das ist die Hauptstrasse von Majnu-ka-tilla oder der New Aruna Nagar Colony, wie ein rostgefressenes gelbes Schild über der schmalen Gasse die von der Schnellstrasse nach Norden in die Kolonie führt, verkündet. Die Kolonie hat den Namen Aruna Nagar von Sheila Dixit, der Bürgermeisterin von Delhi, erhalten, in Ehren dafür dass die Tibeter ein ärmliches, fast elendes Viertel zu einem lebendigen und wirtschaftlich relativ erfolgreichen Ort gewandelt haben. Samyeling taufte der Dalai Lama die kleine Kolonie, von der aus Tibeter in alle Himmelsrichtungen in die Welt hinaus reisen.
Verwunderlich für Neuankömmlinge sind vielleicht die vielen Reisebüros. Fast jedes vierte Geschäft bietet Busreisen nach Mysore, Dharamsala, Rajasthan. Sie tragen oft buddhistische Namen – Dharma Tours, Three Jewels Travels – und bestehen aus einem Raum in dem zwei oder drei Männer um ein Telefon und einen Computer sitzen. Majnu-ka-tilla gibt einem das Gefühl eine Art Außenposten zu sein, ein Ort an den man kommt, wenn man auf der Durchreise ist oder Verwandte in der Gegend besucht. Manche Bewohner scherzen, Majnu-ka-Tilla sein die „moderne Seidenstrasse“, der Hauptposten auf den langen Reise- und Handelswegen der tibetischen Gemeinschaft. im 21. Jahrhundert.


Wenn man der Hauptstrasse folgt, findet man an einem Ende eine Gruppe von hohen Tamarindenbäumen. Von einem Balkon oder dem Dach eines der Hotels kann man Eichhörnchen beobachten oder Bussarde, die auf den oberen Ästen sitzen und nach Beute Ausschau halten. Man kann auch weiter blicken, über die Yamuna, den Fluss, der sich durch Delhi schlängelt. Majnu-ka-tilla liegt am Ufer der Yamuna und man kann den diesigen Sonnenaufgang beobachten – ein klarer roter Ball, der sich über die Wälder am anderen Ufer hebt und dann den ganzen Himmel rot färbt, bevor im Laufe des Tages die Abgase der Stadt zu dicht werden und kein direktes Licht mehr durchlassen. Am Ufer selbst kann man kleine Hütten sehen, die von Bauern bestellt werden solange der Boden fruchtbar ist. Bohnen und Spinat, gedeihen am einfachsten und schnellsten hier. Die Bauern sind Familien, die in rasch zusammengebauten Hütten aus Holz und Plastik leben.
Wenn im Sommer der Monsun einsetzt, wird sich der Wasserspiegel heben und die Felder und die Zelthütten wegschwemmen. Die Bauern müssen hoffen, in der Saison genug Ertrag zu machen um die Monsunzeit irgendwo überdauern zu können.
Weiter flussaufwärts kann man eine schwimmende Brücke sehen, über die ein steter Strom an Menschen und Autos fließt. Sie wird von Lufttanks getragen, die im Fluss treiben, und stellt wohl eine bescheidenere Variante der berühmten schwimmenden Brücke dar, die bis ins neunzehnte Jahrhundert beim Roten Fort die Yamuna überquerbar machte.

Auf der anderen Seite des Flusses hört die Stadt plötzlich auf. Dort sieht man nur niedrige Bäume und vereinzelte Hütten. Hin und wieder blitzen die schwarzen Karosserien von Autorikshas zwischen den Bäumen auf und wackeln dann über die holprige Sandstrasse Richtung Brücke. Männer in frisch gebügelten Hemden oder in dreckige Tücher gehüllt und mit Bündeln beladen und Frauen in Saris wandern am Strassenrand entlang, zwischen Motorrädern und den Staublawinen, die vorbeifahrende Marutis aufwerfen. Man fühlt, dass vielleicht etwas Wahres daran ist, dass Indiens Städte nur eine Menge zusammengehäufter Dörfer sind.

Was von oben schön aussieht, wird weiter unten schwer erträglich. Zwischen den Bäumen liegen Haufen von weggeworfenem Plastik und ein ekelhafter schwefeliger Gestank steigt von Wasserlacken auf. Hunde stöbern durch das Plastik und schrecken kleine Affen zurück auf die niedrigen Äste. Dazwischen Menschen, so vertieft in ein Gespräch oder ein Spiel, man könnte glauben sie sitzen im schönsten aller Parks. Überall hängt der Gestank von Abwasser und Scheisse. Gemischt mit den Abgasen, die im Laufe des Tages von der Schnellstrasse herübertreben, hat man bald das Gefühl, dass die eigene Nase taub wird.

Am anderen Ende der Hauptstrasse windet sich die Strasse und wird schmaler. Man lässt die Hotels und Restaurants hinter sich und betritt den älteren Teil der kleinen Kolonie. Kinder wandern durch die Gassen, sowohl Tibeter auf dem Weg zur Schule als auch indische Bettelkinder und Müllsammler. Viele von ihnen tragen Bündel mit Gemüse, das sie nachhause bringen oder, im Falle der Ärmeren, Plastikflaschen, die sie sammeln um die dann für ein paar Rupien an Geschäftsleute, die es weiterverwenden können, zu verkaufen. Recycling wird in indischen Städten von den Ärmsten betrieben und stellt für viele ihre Einnahmensquelle dar. Es gibt auch in dieser Berufssparte Spezialisten, wie die jungen Männer, die alles nach Kupfer- und Messingdrähten durchforsten, die als stromleitendes Material einen hohen Preis bringen können. Unter den Tibetern gibt es de facto keine Bettler. Durch Fenster und Türen kann man in Werkstätten blicken wo Gruppen von Männern Metall und Blech zu Kelchen und Ritualgegenständen formen, die dann in einem der vielen Geschäfte verkauft werden. Man wirtschaftet hier mit einem klaren Blick auf Autonomie – die Tibeter produzieren kaum etwas, was den Indern im Rest von Delhi Nutzen bringen könnte, sondern alles wird für die kleine Kolonie und ihre Bewohner, ständig oder vorübergehend, gefertigt.


Durch die windenden Gassen erreicht man einen Ort wo es neben den vielstöckigen modernen Bauten noch andere gibt. Die Kolonie ist knapp fünfzig Jahre alt. Die indische Regierung stellte den ersten tibetischen Flüchtlingen das Sumpfland am Ufer der Yamuna zur Verfügung und die ersten dort errichteten Häuser haben sich einen leichten tibetischen Touch erhalten. Ein Erd- und ein Obergeschoss, verbunden mit einer Treppe und hölzernen Leitern. Das beste Beispiel ist eines der größten Häuser der Kolonie – in eben diesem Stil errichtet besitzt es sogar einen kleinen Garten mit einem dürren Baum, auch wenn es schwer ist, den unter all dem Plastikmüll als Garten zu erkennen. Das Haus gehört, wie ich später erfahren darf, dem obersten Lama des tantrischen Tempels.
Majnu-ka-tilla besitzt zwei Tempel. Einen regulären und einen tantrischen. Der Unterschied zwischen Tantra und regulärem tibetischem Buddhismus ist relativ komplex, kann aber so zusammengefasst werden: ein tantrischer Mönch sieht die Welt nicht als etwas an was durch Askese gemieden werden muss, sondern er erlangt seine spirituellen Reichtum durch direkte Interaktion mit der Welt. Entstanden aus der schamanischen Tradition der Bön, stellt Tantrismus heute eine geachtete Alternative zu „regulärem“ Buddhismus dar. Ein tantrischer Mönch darf eine Familie gründen und Alkohol und Fleisch zu sich nehmen. Unter Mönchen und Laien gilt der tantrische Weg als der schwierigere, auf den sich nur sehr gefestigte Persönlichkeiten wagen können.


Die beiden Tempel lassen sich von außen und vom ungeübten Auge nicht unterscheiden. Sie stehen nebeneinander auf einem großen Platz, der von den Bewohnern von Majnu-ka-tilla für Zusammenkünfte und Zeremonien genutzt wird. Die Türen zu beiden Tempeln sind mit Vorhängen verhangen und von außen hört man hin und wieder rhythmisches Trommeln aus dem Inneren. Die Tempel sind aus farbigem und lackiertem Stein erbaut – Verzierungen auf dem Dach, das Rad und die beiden Rehe, verweisen auf Buddha und seine erste Predigt, die er im Deer Park, dem Rehpark, gehalten hat und bei der alle seine Zuhörer der Legende nach Tiere waren. Buddha wird in der Skulptur, einer indischen Tradition folgend, oft als Rad oder als Fußabdruck, als Bettelschale oder als Baum dargestellt.

Im Inneren der Tempel findet sich ein anderes Bild – kein karger Symbolismus mehr, denn dort findet sich eine verwirrende Vielfalt an Götterbildern, Statuen, Personen. Sie stehen in mehreren Reihen und tragen of khagtas, die weißen Schals, die als Glücksbringer bei Zeremonien ausgetauscht werden, um ihre Schultern gewickelt. Kleine, vielleicht dreißig Zentimeter große Figuren aus Holz, Ton oder auch Metall, die jene Lehrer und Weise darstellt, die Träger und Erhalter der Weisheit der ersten Erleuchteten waren.
Eine goldblattverzierte Figur mit den Attributen eines Heiligen steht im Hintergrund, davor kleinere, gröbere Figuren aus Ton, ihr Ausdruck irgendwo zwischen verzückt und tiefernst, gehüllt in dunkelroten Stoff oder einen weißen khagta. Je weiter man dern Reihen nach vorne folgt, umso lebensechter werden die Gesichter, umso weiter reist man in der Zeit nach vorne, bis man schließlich bei den an die vordersten Figuren gelehnten Fotos ankommt; man verfolgt die Reinkarnationen von grobem Ton, über immer feinere Schnitzereien, bis hin zu den klaren, unmissverständlichen Zügen auf den Fotografien.

Eine spirituelle Reise durch die Zeit und ein anderer, zweckmäßiger Blick auf den Fortschritt der Technik. Hier ist sie nicht Selbstzweck, sondern dient dem Ausdruck des Menschlichen, des Glaubens.

Die Tibeter legen in der religiösen Überlieferung enormen Wert auf die sogenannte Transmissionslinie. Ganz kurz: Menschen sind alle im Kreislauf des Lebens, in Samsara, gebunden. Laut der einfachsten mönchischen Tradition gibt es einen Kreislauf der Wiedergeburten, bestimmt von Karma, der Balance der guten und schlechten Handlungen eines Lebens. Die religiösen Meister sollen sich so weit entwickelt haben, dass sie diesen Kreislauf durchbrechen können und ihre Wiedergeburt selbst bestimmen können. Der Geist des Meisters und damit all sein Wissen wird im realen Sinne übertragen – ein Wiedergeburt findet statt und die Linie dieses Meisters besteht weiter. In vielen Tempeln sieht man kleine Tonfiguren oder in schmucke Roben gekleidete kleine Statuen, die eben diese Linie darstellen sollen. Fast alle Linien lassen sich auf große Persönlichkeiten aus der tibetischen Geschichte zurückführen und stellen so, neben der religiösen Bedeutung, auch eine geschichtliche Aufzeichnung dar, insbesondere da es in der tibetischen
Tradition beinahe keine Geschichtsschreibung gibt, die sich nicht ins Mythische verläuft.

Neben diesem spirituellen Stammbaum findet man in Tempeln Statuen der verschiedenen Inkarnationen und Aspekte des Buddha. Religionsgeschichtlich vermutet man, dass diese unterschiedlichen Aspekte im Frühen Mittelalter aus der Vermischung des aus Indien kommenden Buddhismus mit den lokalen Traditionen der Tibeter entstanden sind, aber im esoterischen Glauben repräsentieren sie die sogenannten Bodhisattvas – also vollkommen realisierte Persönlichkeiten, die es durch ihr eigenes Vermögen geschaft haben aus dem Kreislauf auszubrechen. Es gibt im tibetischen Glauben eine Vielzahl solcher Bodhisattvas, aber am Häufigsten abgebildet findet man Avalokiteshvara, den ursprünglichen Bodhisattva und Ausdruck des Mitgefühls aller Buddhas, und Padmasambhava, den Gründer der buddhistischen Tradition in Tibet.

Die Tempel werden von zwei kleinen Gruppen von Mönchen gepflegt. Unter Tags sieht man sie meistens bei kleinen Arbeiten wie dem Putzen von rituell benutzten Schalen oder im Gespräch mit Menschen aus der Kolonie, die sie ansuchen ihre Bitten und Wünsche an die Gottheiten weiterzuleiten. Einen Großteil ihres Tages verbringen die Mönche im Gebet oder im Ritual. Rituale für Kranke, für Menschen, die sich auf eine Reise vorbereiten, für eben Verstorbene, für Hochzeiten, Geburten…die Mönche haben immer zu tun.

Das Chaos indischer Städt entsteht vor allem durch die Unfähigkeit Menschen und Dinge zuzuordnen. Wenn man beginnt zu verstehen, dass alles aus einer Vielzahl von eigentlich sehr streng geordneten Gemeinschaften besteht, löst sich auch der schwindelerregende Eindruck aus, den ein Ort wie Delhi auf den ersten Blick in einem auslöst. Majnu-ka-Tilla ist ein guter Ort, sich von so einem kulturbedingten Schwindel zu erholen und die Stadt, Stück für Stück, besser zu verstehen.