Der tibetische Bettler

In Majnu-ka-tilla durfte ich einige interessante Begegnungen machen. Eine der dunkleren Seiten der Kolonie begegnete mir in Form eines schwarzen Schafes der kleinen Gemeinschaft. Ein Mann sprach mich an als ich auf dem Platz vor den beiden Tempeln saß. Er war klein, aber kräftig, nur sein Blick war seltsam leer. Er sprach mich auf Englisch an und wir unterhielten uns eine Weile. Als erstes sah ich, dass der Mann betrunken war…ein paar Momente später sah ich, dass das nicht ganz richtig war. Er war nicht so sehr betrunken, sondern er schien einen etwas nüchterneren Moment zwischen zwei Flaschen erwischt zu haben um mit mir zu reden. Sein Kopf war gesenkt und sein Blick war auf irgendeine verborgene Qual tief in seinem Geist gerichtet. Er sprach gutes Englisch, brüchig eher nur durch seinen Sprechrhythmus, der sprudelte und versiegte, sprudelte und versiegte. Seine Ausbrüche waren heftig, fast aggressiv, aber er schwand ebeso schnell wieder in Entschuldigungen und Abschwächungen. Er sei kein Bettler, sagte er mir fast zornig, als hätte ich es ihm vorgeworfen, und wenn es eines gäbe was ich über Tibeter wissen sollte, dann das: Tibeter betteln nicht! Er sprach weiter davon wie gut es sei, dass ich hierhergekommen war und den Tempel besucht hatte und er entschuldigte sich immer wieder – für sich selbst, für dieses, für jenes, für die Sonne, für den Mond. Für einen Moment ging er in eines der Geschäfte, wollte Tee holen – als er verschwunden war, flüsterte mir der Tibeter, der neben mir auf der Bank saß zu, ich solle dem Kerl nicht zuhören, er sei wahnsinnig. Als er wiederkam, hatte er den Tee vergessen, was aber höchst animiert und stieß ein paar Worte hervor – The Chinese People’s Police—und der Rest ging in einem finsteren Murmeln unter. Er war jetzt sehr niedergeschlagen. Er sei nutzlos, sagte er zu mir, können nichts tun und überlebte nur weil sich Leute um ihn kümmern. Dann streckte er seine Hände aus, zu einer Schale geformt. Ob ich ihm denn nicht helfen konnte. Es war klar, er hasste sich in diesem Moment selber, hasste es betteln zu müssen. Ich gab ihm ein paar Rupien und musste aufstehen und gehen.

Ich sah ihn später wieder, auf der Strasse, torkelnd oder die Welt aus zusammengekniffenen, zweifelnden Augen beobachten. Manchmal ging er neben Touristen, führte ein ähnliches Spiel aus Selbsthass und Bedürftigkeit auf. Manchmal sah ich ihn wie er für eine Gruppe lachender Tibeter einen ungelenken, sehr bemitleidenswerten Tanz aufführte. Er wurde für mich ein Bild für das, worüber alle in Majnu-ka-tilla lieber schweigen wollten. Die Schwierigkeit fremd zu sein, das lange und unabwendbare Leid, das eigene Zuhause verloren zu haben. Die Qualen und Gefahren, mit denen Tibeter auch heute noch leben. Kaum jemand sprach davon, weil sich die eigene Geschichte kaum von der des anderen unterschied. Mit einem Menschen, der vielleicht später aus derselben Region geflüchtet ist kann man sich kurz austauschen – wie es diesem und jenem geht, ob etwas zerstört wurde, Dinge die man direkt sagen kann, aber nicht in e-mails oder am Telefon.

Danach wurden manche Dinge deutlicher für mich. Ich sah Werbung an den Internetcafes – sieben Rupien die Minute für einen Anruf nach Tibet. Als ich einmal nachfragte, sagte man mir, dass es manchmal funktionierte die Menschen zuhause anzurufen und manchmal die Telefone blockiert waren. An den Wänden hingen Zettel auf denen man blutig geschlagene Gesichter sehen konnte. Politische Gefangene. Wie war die Situation in Tibet im Moment? War das Propaganda, oder Realität?

Ich wurde neugieriger. Ich wollte wissen, was die Leute zu erzählen haben. Aber wie sollte ich diese Barrieren, die ganz deutlich da waren, überwinden? Kann ich einfach jemanden auf der Strasse fragen ob er mir seine Geschichte erzählen will? Wie kann man zu den Leuten genug Vertrauen afbauen um etwas mehr als nur die normale Touristengeschichte zu bekommen?

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