Tenzin und der Wunsch nach Europa

Dieser Eintrag setzt die Geschichte fort, die ich mit “Der tibetische Bettler” begonnen habe. Unerwarteterweise (wie eigentlich alles in Indien) komme ich meiner Absicht mehr über die tibetische Exilkultur zu erfahren näher.

Ich wunderte mich mehrere Tage darüber, wie ich so etwas am Besten angehen könnte. In der Zwischenzeit besuchte ich ein paar der Mughal Ruinen, recherchierte die Geschichte der Stadt so weit mir das möglich war und machte ein paar Fotos. Ich war in einer der schlimmsten Hitzeperioden der vergangenen dreißig Jahre in die Stadt gekommen. Das machte jegliche Erkundung schwierig. Für zwei Tage kletterte der Thermometer sogar bis an die fünfzig Grad Celsius Grenze. An solche Tagen konnte man nur im Bett liegen und mehr oder weniger sanft vor sich hin schmelzen. Am Nachmittag, meistens hungergetrieben, erhob ich mich trotzdem und nahm die Metro in die Stadt. Dort fotografierte ich für ein paar Stunden, wanderte in der relativen Ruhe der alten Monumente herum oder setze mich in ein dunkles, gekühltes Restaurant und aß ein paar Bissen.

Es war sehr interessant die Mogulenvergangenheit der Stadt näher zu erkunden und die verblüffende Speichelleckerei des Gandhi Museum zu erfahren, das mehr dem Schrein eines Heiligen glich als einem Museum. Delhi besitzt auch ein vernachlässigtes, aber trotzdem fabelhaftes Nationalmuseum. Das alles half mir meine Tage sinnvoll zu machen, aber ich hatte immer noch keine Ahnung, wie ich meinen Plan mehr über Majnu-ka-tillas Bewohner herauszufinden, verwirklichen sollte.

Eines Abends aber war mir das Schicksal hold. Ich saß in einem Internetcafe und las gerade vom Absturz der Maschine des polnischen Präsidenten Kasczinsky und schrieb einigen polnischen Freunden, die von der Tragödie ziemlich getroffen waren, als mich ein junger Tibeter ansprach. Es tut ihm leid mich zu stören, aber er suche nach jemanden, der ihm helfen könnte Formulare für einen Visa-antrag korrekt auszufüllen. Die Formulare waren auf Englisch und weder er noch seine Freunde waren sich ganz sicher und einen Fehler zu machen würde heißen, das Ganze noch einmal machen zu müssen und viel Zeit zu verlieren. Ich zahlte schnell und war sofort draußen. So lernte ich Tenzin kennen.

Tenzin war kaum so lange in Indien wie ich selbst. Einige Tage davor war er aus Nepal, wo er als Englischlehrer in einer Schule in der Nähe von Kathmandu gearbeitet hatte, nach Delhi geflogen. Befreundete lamas, tibetische Mönche, hatte ihn gerufen. Sie waren auf eine buddhistische Konferenz in die Slowakei eingeladen worden und brauchten einen Übersetzer. Tenzin hatte Erfahrung darin. Drei Jahre zuvor hatte er eine ähnliche Gruppe nach Ungarn begleitet und für sie übersetzt. Jetzt stand ich mit ihm und zweien der Mönche vor dem Internet Cafe und sie beschrieben mir die Lage. Die beiden hatten noch nie um ein Visum angesucht, waren selbst kaum zwei Tage hier, waren noch nie in Europa. Alles was sie an Nervosität zeigten, war ein gelegentliches unsicheres Lachen. Sie warteten auf den Head Lama, ihren spirituellen Vorgesetzten, der wohl mehr über die Organisation wusste. Aber bis der hier war brauchten sie ihre Visas.

Kann so schwer nicht sein, denkt man, irrt sich dabei aber gehörig. Zuallererst einmal haben Tibeter strikt gesehen keine Pässe. Offiziell existiert Tibet nicht mehr. Die Tibeter haben entweder, wie die beiden Mönche, Registrierungskarten des Staates Indien, die sie als Flüchtlinge mit temporären Staatsrechten ausweisen oder sie haben, wie Tenzin, einen nepalesischen Pass, den manche auch unter falschem Namen führen. Um jetzt ein Schengen Visum zu bekommen brauchen sie diesen Pass, eine Einladung von einer Person aus dem Zielland, Kontake im Zielland, ein gültiges Hin- und Rückflugticket und Nachweis darüber das alle ihre Kosten während des Aufenthaltes in diesem Land gedeckt sind.

So weit, so gut. Tenzin und ich trafen uns mehrere Male in Restaurants und Hotels um alle Formalitäten zu klären und die Formulare so korrekt wie möglich auszufüllen. Sie hatten offizielle Einladungen, alle Rechnungen waren gedeckt. Es schien alles zu stimmen. Ich war jetzt selbst auch nicht sofort überzeugt, dass alles was mir Tenzin erzählte absolut wahr wäre. In Indien, so habe ich während meiner Aufenthalte gelernt, ist es gut jedem und allem mit einer Initialdosis Misstrauen zu begegnen. So lange man sich davon nicht überwältigen und blenden lässt…eine Wissenschaft an sich. Ich unterhielt mich viel mit Tenzin, zum einen weil ich ihn kennenlernen wollte, zum anderen weil ich auch genug Vertrauen aufbauen wollte, dass er mir bei meinem Vorhaben helfen würde. Er war ein sympathischer und offener Mann, zwei Jahre jünger als ich. Sehr impulsiv und oft auch unverantwortlich, für meine Begriffe, aber ich durfte bald lernen, dass das was wir als Verantwortlichkeit bezeichnen im tibetischen Rahmen nicht wirklich existiert. Er hatte seine Arbeit in Kathmandu aufgegeben und sein ganzes Geld für den Flug nach Delhi ausgegeben. Kein Nachdenken darüber, wie und wo er leben sollte, wie er essen würde. Er lebte sehr spontan – wenn Geld da war, wurde es ausgegeben. Wenn kein Geld da war, dann wurde nach Möglichkeiten gesucht Geld zu machen.

Bekanntschaften waren natürlich eine Art zu Geld zu kommen. Vor allem westliche Bekanntschaften. Die meisten Freundschaften und Bekanntschaften mit Indern oder Tibetern kommen irgendwann zu dem Punkt an dem man nach Geld gefragt wird. Man kann das jetzt sehen wie man will. Wird man aufs Widerlichste ausgenutzt? Wir man nur als wandernde Brieftasche gesehen? Oder ist man eben der reiche Freund, den man um Geld fragen kann weil er es hat? Es passiert genauso bei Tibetern untereinander…wenn einer Geld hat, ist das das Schlimmste was ihm passieren kann. Alle bitten ihn ununterbrochen um Unterstützung und es wird erwartet, dass er beim Essen einlädt. Persönlich will ich, das solche Freundschaften über Geld hinausgehen und habe im Laufe der Zeit einen etwas asiatischeren Zugang zum Geld entwickelt. Wenn ich habe, gebe ich. Wenn nicht, muss ich genauso arbeiten oder bitten.

Das Geld ist ein Knackpunkt für viele. Ich habe unzählige Konversationen darüber geführt und ebenso unzählige Beschwerden gehört. Die Inder betrügen, die sehen einen nur als wandelnde Geldbörse. Vor allem von Menschen, die mit hohen spirituellen Idealen nach Indien kommen oder humanitäre Arbeit mit Tibetern leisten wollen – viele werden enttäuscht, desillusioniert und kommen mit der Überzeugung zurück, dass sie dort nur ausgenutzt werden.

Man muss sich hier die Realität der Menschen vor Augen halten. Sicherheiten gibt es in Indien keine, außer man besitzt Geld. Von den vielen Menschen in den Tempeln betet ein Großteil sicher immer wofür? Für Geld. Indien hat nicht eine, sondern zwei Gottheiten, die für Geld und finanziellen Wohlstand zuständig sind. Lakshmi und Ganesha.

In Zahlen: Mehr als neunzig Prozent der Inder haben keinerlei finanzielle Versicherung. Sie leben von ihrer Hände Arbeit, oft von Tag zu Tag. Jemand, der in diesem Umfeld eine Gelegenheit mehr Geld zu machen verstreichen lässt, dem ist nach dem allgemeinen Urteil nicht zu helfen.

You are advertisement – the West’s Art of the Scam

You are advertisement.

Something that most facebook users have long since accepted becomes routine in most internet ventures. Clicks and views are virtual currency and, above a certain volume, actual currency. The user is the viral carrier of advertisements.

It seems like the drug dream of an advertising executive. Everyone can be stickered with ads now. Everyone can be persistently chased by intelligent advertisement. It is less stylish but just as devious as the scene from Minority Report where everyone entering a store is immediately beset by a holographic hostess. Some ads even speak or blare music at you until you find the (often viciously displaced) X to make it – temporarily – disappear.

But, make no mistake, you are advertisement. And you are entirely complicit in it. You helped create the virus that you carry.

Using social media one no longer transfers information, but becomes, both actively and passively, a transmitter of advertisements. You might passively advertise your life-style or your work or your taste in movies, restaurants or video games. You might actively advertise, sending out interesting links or actually advertise your work. In the language of many bloggers “content” actually “masks” the intent: garnering precious page views.

I was briefly writing for an online article platform that will remain unnamed (no free advertisement here). In order to achieve page views one had to study the market and pick a topic that would generate a high number of clicks, aka something that everyone is interested in. In the long run this led to a slew of articles designed only to generate page views – one began to write not thinking of how to satisfy the audience but how to adhere to the limitations of search engines. One literally became a trained monkey hitting away on the typewriter, hoping but not really caring to churn out something worthwhile. One was asked to write a lot, not to get better as a writer but to create “content”. If one publishes a large number of articles it becomes more likely for the search engines to pick one up – casting those strange mindless algorhythms in the roles of highly undiscerning editors. What the content was didn’t really matter. There were people checking it for errors and typography, but they were badly paid editors who, if one was lucky, were dutiful or, if one was unlucky, internet cholerics. It was up to the user to create something worthwhile or something filled with “content”. One also had to pick one’s field, niche or genre, in a communistic version of a newspaper office. If one picked an “uninteresting” niche there was little to no chance of ever achieving a high number of page views. An interesting niche equaled the front page news of an actual newspaper, but since it was created “democratically” it ended up entirely middle class without exciting or offbeat points of view. The intent was to create something between a newsfeed and Wikipedia, but most of the articles were culled from either various newsfeeds or badly digested Wikipedia articles, offering the depth of a puddle after gentle spring rains.

The most perfidious thing about it, though, was that it was in the best interest of every user to advertise their articles by themselves to create more page views. Of course by doing so they were advertising the site. The site had thereby created a host of people who were both unpaid writers and advertisers, since only those who wrote thirty articles and more a month actually stood any chance of gaining any money from it.

The process, of course, mimics the rise of an intern to a full-time journalist with all the hurdles inherent to it. But it is mimicry, because the message boards were full with messages of people who like exhausted workers kept asking each other if any of them had ever been paid and if yes, if it was more than 10 Euro.

I’ve been in Asia long enough to know a scam when I see it and you, sir, have just been made advertisement. It might be a high class scam and probably one that many people would argue is a legit business venture, but we seem to live in a post-Orwellian world anyway where machines and the moods of numbers determine our own rise and fall. “Content” can be safely ignored in favour of numbers and masks. It’s a high class scam, all the more perfidious because everyone is implicit in it.

As long as I am advertisement, I’ve decided to advertise the things that I do because I love doing them. Who can read something without content?