Sightseeing mit Dealer Teil 4

Teil 1

Teil 2

Teil 3

 

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Mein Guide ergeht sich weiter in Bestätigungen seiner eigenen künstlerischen Kraft, während ich ihn freundlich ignoriere und fotografiere. Ein junger Mann tritt an mich heran, lächelt und macht mit beiden Händen eine Geste als würde er fotografieren. Er spricht mich auf arabisch an.

Mit einem Mal wird mein Guide zornig. Ein Schwall sicherlich wenig freundlicher arabischer Worte ergießt sich über den jungen Mann. Aufgeweckt von dem Zorn beteiligen sich unerwarteter Weise auch einige der Händler in den umliegenden Geschäften an dem Streit. Hände werden gen Himmel gestreckt, Fäuste geballt, mein Guide keift in alle Richtungen und die Ecke des Soukhs explodiert förmlich in Worten, Gesten und Flüchen.

Auch als wir schon einiges an Metern hinter uns gebracht haben ist mein Guide aufgebracht. „Warum glaubt er, dass er dich belästigen kann? Er sieht, dass du arbeitest, und er kommt und redet solchen Blödsinn. Warum macht er das? Ich könnte…“ Es mangelt ihm definitiv nicht an Einsatz und ich bin so perplex von seinem Ausbruch, dass ich mich selbst bei ihm entschuldige. Das verwirrt ihn und beruhigt ihn erst einmal. „Aber nein, das ist ja nicht dein Fehler.“

Für ein paar Minuten gehen wir etwas planlos durch die Gassen. Der Zorn hat der Verwirrung Platz gemacht. Dann fasst mein Guide einen Entschluss. „Komm.“ Und bevor ich mich versehe biegen wir durch schmale Gassen, bücken uns in höhlenartige Durchgänge zwischen Häusern, die schlagartig so stockdunkel sind, dass man nicht erkennt wohin man den Fuß setzt. Wir halten erst wieder in einem kleinen Innenhof, in dem eine dicke Frau in weiß den Boden fegt und eine andere, ältere die Wäsche von der Leine pflückt. Instinktiv vermeide ich es, die Frauen länger anzusehen – das ist selten eine gute Idee bei dem schlagartigen Temperament der Männer – aber ich kann mir ein Lächeln und Nicken und ein „Salaam Aleikum“ nicht versagen. Er bleibt wortlos, führt mich durch einen Vorhang in einen kleinen Raum, wo wir uns, ebenso wortlos auf eine Teppich am Boden um einen kleinen Tisch setzen.

Er schenkt mir Wasser aus einem Krug ein, den eine der beiden Frauen reicht. Sie sind uns in den Raum gefolgt. Niemand stellt eine Frage oder nimmt es irgendwie als seltsam, dass ich als offensichtlich Fremder hier sitze. Also mache ich mir keine Gedanken. Zwei Kinder tauchen hinter einer Ecke auf und ich bin fast enttäuscht, dass auch sie keine sonderliche Neugier zeigen. Der Bub sieht mich kurz an, spricht dann mit meinem Guide. Die beiden sind sichtlich verwandt. „Der Sohn meiner Schwester.“

Die jüngere Frau, die Schwester meines Guides, bringt uns ein Teller mit gelben Linsen mit Kürbis und dazu gerissenes Fladenbrot. Es ist angenehm hier zu sitzen, die selbstverständliche Gastfreundschaft zu erfahren und zu sehen wie sie keinen Moment hinterfragt wird. Ich kann in solchen Momenten – die man als Reisender immer wieder erfährt – nicht anders als die Situation in meinem Kopf umzudrehen und zu überlegen wie oft ein Fremder in meinem eigenen Land in so einer Situation nur Misstrauen und Unfreundlichkeit erfährt. Es mag sein, dass man sich auf der Strasse mehr ungewohnten Situationen erwehren muss, aber wenn man mit jemandem beim Essen zusammensitzt, erfährt man reine Gastfreundschaft ohne Hintergedanken.

Ich versuche die Familiensituation meines Guides zu erraten. Ist die andere Frau seine Mutter? „Meine Tante.“ Er nimmt noch etwas zu essen, scheint etwas angespannt. Sein Vater kommt aus der westlichen Sahara, so viel weiß ich. Seine Mutter? Verschollen? Irgendetwas arbeitet in ihm, er wirkt verschlossen also frage ich nicht weiter. Der Raum ist simpel, dunkel. Eine Waschstelle im Eck, ein ausgepolsterter Sitzplatz. Der Rest des kleinen verwinkelten Hauses ist mit Tüchern oder Plastikplanen verhängt. Ein Raum für die Frauen und Kinder, einer für meinen Guide? Oder nur ein Raum für alle?

„Iss das.“ Er zeigt auf ein Stück mit Kürbis. Ich sehe er hat Hunger und würde es selbst gerne essen, schiebt es mir aber aufs Teller. „Das sind die besten Stücke. Mehr Brot?“ Ich weiß nicht wie viel die Familie zu essen hat, aber da sie so bereitwillig teilen nehme ich an nicht sehr viel. Die Armen teilen, die Reichen berechnen – soviel habe ich in Marokko schon gelernt.

Wir haben mittlerweile das Teller geleert. Seine Schwester nimmt es wieder mit. Sie scheint zufrieden und verschwindet in einen anderen Raum. Mein Guide bietet mir an, meine Hände an der Spüle zu wachsen.

Wir verlassen das Haus, vorbei an der älteren Frau, die nun mit einem Stück Tuch im Hof sitzt. Keine Spur von den Kindern.

Wieder auf der Strasse mache ich ein Foto von einem Eselkarren. Ein junges Mädchen in Schuluniform ist im Hintergrund. Wir gehen weiter und ihr Blick weckt meine Aufmerksamkeit. „Did you take a photograph of me?“ fragt sie. Der Ton ihrer Stimme ist schwer zu lesen. Sie sieht mich neugierig und fragend an. „No. Of the donkey. Up there.“ „Ah.“

„Was ist das?“ frage ich meinen Guide und zeige in einen Hof, in dem ich ein altes Fahrrad sehen kann, das mich fasziniert.

„Dort sind die Metallarbeiter.“

Sightseeing mit Dealer Teil 3

Teil 1

Teil 2

 

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Zuerst allerdings sehe ich eine dunklere Seite meines Guides. Er scheint das alles ernst zu nehmen, sich tatsächlich für einen Künstler zu halten und so verfällt er für die nächsten fünf Minuten in eine bitterlich schwarze Depression. Irgendwann schaffe ich es ihn mit teilnahmvollem Nicken zu überzeugen, dass die Leute schlußendlich sein Genie entdecken werden und dass es (vor allem dort draußen) Licht und Freude gibt und wir machen uns endlich auf den Weg.

Seine wiedergefundene Fantasie beweist er dann dadurch, dass er mich auf eine Tour durch alle Läden seiner Freunde nehmen will…ich überlege mir schon ernsthaft, ihn einfach dort stehen zu lassen, aber diese offensichtliche Zerbrechlichkeit fasziniert mich. Er bemerkt meinen Unwillen und schlägt vor, dass wir eine Art Deal eingehen – er wird mich nicht belästigen irgendetwas zu kaufen und seinen Freunden sagen, dass ich nur fotografieren will und immerhin kann ich dann ein paar Verbindungen machen – vielleicht will ich ja irgendwann einmal einen Teppich oder ein Musikinstrument und dann weiß ich schon wohin ich gehen muss.

Also, fein, wir machen uns also daran die Läden abzuklappern. Der erste verkauft Musikinstrumente und sitzt entspannt und mit einer Gitarre im Schoß auf einem Polster inmitten von hunderten hölzernen Instrumenten. Er spielt aber nicht. Ein anderer Mann, sein Bruder, sitzt neben ihm und stimmt eine Trommel. Die beiden sprechen Englisch. Sie haben den Laden schon seit zwei Generationen und ja, das Geschäft läuft so so, inshallah wird alles gut. Er ist deutlich zu entspannt um sich in irgendeiner Weise darum zu kümmern, was ich von ihm will oder sich eine interessante Geschichte zu überlegen, also bedanke ich mich, mache ein Foto und weiter geht es.

Der nächste ist ein junger, energischer Mann, der uns mit einem engagierten Lachen empfängt. Um ganz ehrlich zu sein, ich habe vergessen, was er verkauft hat…irgendwelches Holzwerk, glaube ich, aber er schien mehr an sich selbst als an seiner Ware interessiert und posierte begeistert für ein oder zwei Fotos. Als Teil des Plans meines Guides sammle ich außer Fotos auch noch Visitenkarten – seine ist mit besonderer Aufmerksamkeit gestaltet.

Auf dem Weg durch die verwinkelten Gassen des Soukhs stoppen wir für einen Kaffee. Stilechten marokkanischen Nescafé, der von einem freundlichen alten Mann mit einem Handkarren gemacht wird. Mein Guide stellt sich kurz hinter den Wagen und macht den zweiten Nescafé selbst. Jetzt ist er wieder großspurig und guter Laune. „Die anderen wollen nicht für Fotos posieren?“ Wir hatten vorher einige Probleme einen Mann aufs Foto zu bekommen, sei es dass er einfach scheu war oder dass es irgendetwas mit der konservativen islamischen Sicht auf das Bildermachen zu tun hat. „Ha, ich posiere. Ich habe kein Problem damit. Alles Aberglaube.“

So posiert er also. Mit einem Straßenschild. Mit Sonnenbrille. Dann ohne. Weiter geht es, tiefer in die Soukhs. Der Kaffee hat meinem Guide zu gut getan. Jetzt gibt er mir Anweisungen was und wie ich fotografieren muss. „Ich weiß, wie man Bilder macht. Ich bin ein Künstler.“ Kleines, trotziges Kind wohl eher, aber es amüsiert mich ihm aufmerksam zuzuhören und dann etwas ganz anderes zu machen. Er bemerkt es nicht.

Mittlerweile, wohl eher durch ein Versehen, sind wir im Arbeiterviertel gelandet. Das fasziniert mich…kleine schmutzige Küchen, in denen Eier und Huhn gekocht und gebraten werden und vor denen kleine, massige Männer stumm anstehen. Frauen in wehenden Gewändern, die Körbe mit Einkauf nachhause tragen. Knäuel an Kindern, die auf dem Weg von der Schule zuerst an einem, dann am nächsten interessanten Eck stehenbleiben und wild und lachend debattieren oder einfach neugierig oder spöttisch schauen.

Wir stoppen an einem kleinen Geschäft am Eck einer beleben Strasse. Holzskulpturen, farbig bemalt, verzieren es von außen. Buntes Holz, Stühle, Spielschachteln und dergleichen quellen fast heraus auf die Straße. Es ist das erste Geschäft, das unter all diesen ewig ähnlichen Geschäften wirklichen Charakter hat.

Der Besitzer ist ein sympathischer Berber mit einem beständig leicht perplexen Ausdruck. Er zeigt mir mit der Fingerfertigkeit eines Bühnenmagiers eine seiner Arbeiten – eine kleine Box aus hellem Holz mit dunklen Intarsien. Ganz normal, nicht? Nein…hier! Ein geheimes Fach. Er faltet die Schachtel zwischen seinen Fingern als wäre sie aus Papier und öffnet ein bislang unsichtbares Fach, leert alle unsichtbaren Geheimnisse in seine und dann meine Handfläche, schließt es wieder und gibt mir die Box. Öffne sie. Kein Fach. Willst du einen Schlüssel verstecken? Bestes Versteck.

Wir sprechen auf Französich miteinander. Mein Guide entschuldigt sich mittlerweile – er hat einen alten Bekannten getroffen und die beiden gehen in das Haus gegenüber für ein kurzes Gespräch. Ich hatte nich geplant etwas zu kaufen, habe nicht einmal Geld in meiner Tasche, aber der Berber ist ein netter Mann und ich schaue kurz durch sein Geschäft und überlege, ob ich hier etwas als Geschenk kaufen soll. Er sieht meine Neugier natürlich und will mir sofort etwas in die Hand drücken.

Nein, ich habe kein Geld. Ich komme morgen zurück.

Oh. Alle Enttäuschung der Welt in seinem Gesicht. Morgen, morgen ist er nicht hier. Das Geschäft ist geschlossen, er geht zurück zu seinen Verwandten, hinaus aus Marrakesch.

Wann kommt er denn zurück?

Er weiß es nicht. Wann immer das Geschäft wieder gut geht.

Die weitschweifende Theatralik gefällt mir, aber ich habe wirklich kein Geld. Er winkt mich mit einer abschätzigen Bewegung davon. Ich überlege mir noch eine Antwort, da kommt allerdings mein Guide zurück und wir gehen weiter in die Soukhs.

Sightseeing mit Dealer Teil 2

Teil Eins gibt es hier

 

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 Ich musste also nur warten. Nicht sonderlich lange. Ein Mann sprach mich in einem Internetcafé an. „I have something very good for you. Wait.“ Ein großer, hagerer Kerl in einer dunklen Lederjacke. Sein Haar kurz geschnitten und er trug einen kurz gehaltenen Bart. Seine Augen waren hinter einer großen Sonnebrille kaum zu sehen. Er würde mehr mit mir sprechen, sobald wir beide mit unseren Online Aktivitäten fertig waren.

  Ich weiß noch wie ruhig ich war. Ich wusste wie er sein Spiel beginnen würde und ich würde ihn irgendwann abschneiden und sagen, ich hätte kein Interesse an seinen Drogen aber ich brauche jemanden, der mir hilft, die Stadt und einige ihrer Bewohner zu fotografieren.

  Genauso machte ich es dann. Er überlegte kurz, sagte dann ich solle ihn in zehn Minuten wieder hier – vor dem Internet Café – treffen und er verschwand in der Menge um einen Telefonanruf zu machen. Sein Handy funktioniere nicht, also ging er eine Telefonkarte kaufen.

  Die Sache ist die…es klingt weit zu dramatisch, ihn einen Drogendealer zu nennen. Sein Vater kam aus der Westsahara, dem umkämpften Teil von Marokko. Man nimmt gerne an, wenn jemand ein Teil der kriminellen Welt ist, welche Form die auch immer annimmt, dass er einen bösen oder zumindest betrügerischen Plan hat. Dieser Mann hatte keinen Plan, zumindest keinen auch nur im geringsten bösen.

  „Was willst du denn für deine Hilfe haben?“ hatte ich ihn gefragt, wissend wie wichtig es ist sich vor jeglicher Dienstleistung auf den Preis zu einigen.
  Er blickte zu Boden, fast betreten, und murmelte etwas darüber wie er über alles glücklich sein würde.

  „Was willst du?“ fragte ich noch einmal.

  Schlagartig änderte sich seine Stimmung. Voll Stolz und sogar fast anmaßend sagte er, „Ein Flugticket nach Europa.“

  Ich musste lachen. „Du weißt, dass ich dir kein Flugticket kaufen kann.“ Ich war erstaunt, wie er seinen Traum entblößte, im seltsamen Vertrauen, dass jemand kommen würde ihn zu erfüllen.

  Er kam zurück und zeigte auf einen Mann in einem hellen Hemd. Er winkte ihm und wir schüttelten einander die Hände. Das war der Mann, dem er Rechenschaft schuldete. Er sagte ihm, er würde heute nichts verkaufen, weil er eine andere Arbeit bekommen hatte – mich zu begleiten. Als der Mann gegangen war, sagte er zu mir. „Manchmal, da mache ich schwarzes Geld, heute, da ist es weißes Geld, dank sei Allah.“

  „Du solltest versuchen, mehr weißes Geld zu machen. Meinst du nicht?“

  „Das ist nicht immer möglich.“ Er blickte sich schnell nach allen Seiten um als wir den Rand der Jemaa el Fnaa entlang wanderten. In Marokko gibt es eine spezielle Touristen Polizei, die sicher stellen soll, dass illegale Guides wie er kein Geschäft mit anhnungslosen Touristen machen. Sollten sie ihn erwischen, würde er wohl eine Strafe angehängt bekommen. „Gehen wir hier hinüber – ich kenne dort jemanden. Ein guter Ort.“

  Er klopfte an einer weißen Tür in einer leeren Seitengasse. Irgendetwas war mit einem Stift an die Seite der Tür geschrieben, aber bevor ich es entziffern konnte, machte ein lachender junger Mann die Tür auf und bat uns hinein. Er führte uns in einen bunt eingerichteten Raum mit Polstern auf dem Boden und auf Bänken, die entlang der Wände angeordnet waren. Ein Fernseher stand erhöht in einem Eck, ein Computer in einem anderen. Prospekte lagen auf einem niedrigen Tisch. Ein europäisch aussehender Mann saß auf einem der Polster.

  Mein Guide und der Mann, der uns hereingelassen hatte, verschwanden kurz und ich plauderte mit dem anderen Mann. Ein Kanadier, der nach der offenen, leicht lesbaren Art der Marokkaner unsinnig verschlossen wirkte. Er fragte mich, ob ich auch hier bleiben würde.

  „Was?“

  „Im Guesthouse?“

  „Oh…nein, ich bin nur kurz aus Neugierde hier.“

  Wir reden noch über touristische Dinge, die man in Marrakesch und der unmittelbaren Umgebung machen kann. Er wartet auf Salesh, den Betreiber des Guesthouses, der ihn auf eine Tour mitnimmt. Salesh und mein Guide kommen nach ein paar Minuten wieder zurück.

  „Das sind meine Bilder,“ sagt mein Guide, leicht unsicher, und zeigt auf ein paar Leinwände, die an der Wand hängen und stehen. Neugierig beginne ich sie zu studieren. „Ich bin ein Künstler. Sie stehen zum Verkauf.“

  Wieder beeindruckt mich das Selbstvertrauen des Mannes, denn die Bilder die dort an der Wand gesammelt sind, sind freundlich ausgedrückt so furchtbar, das man einen nach bestimmten Spezifikationen blinden Käufer dafür finden müsste. Mich packt ein seltsames Mitleid für den Mann, als ich eine verwischte Himmel und Meer Studie in Öl näher betrachte. Es mangelt ihm nicht am Wunsch etwas zu erreichen, das ist sicher und das ist auch imponierend, aber die Bilder zu betrachten macht mich einfach nur traurig für ihn.

  Ich sage nicht viel zu den Bildern, da hat er noch eine Idee und nimmt eine lederne Tasche von einem Ständer in der Ecke des Raumes. Er macht auch Taschen aus Leder, gut um Dinge darin zu tragen.

  Ich sehe schön langsam wo das hinführt. Keine heruntergekommenen Opiumschuppen oder geheime Deals, kein Fenster in eine Unterwelt, sondern nur etwas ganz Banales. Aber draußen gibt es eine volle, interessante Welt. „Ich habe kein Interesse irgend etwas zu kaufen, tut mir leid. Gehen wir fotografieren.“

Glühbirnen für den König – eine Parabel aus Marrakesch

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Glühbirnen für den König

Wie man (nicht) von Seiner Majestät in Marrakesch stiehlt…

Salman studiert in Marrakesch an der Fakultät für Literatur. Er hat zwei ältere Brüder. Der eine, der heute als Arzt für die Regierung arbeitet, hat lange Jahre in Saudi Arabien hadiths studiert, also die dem Propheten zugeschriebenen Aussprüche, die einen essentiellen Teil der islamischen Gesetzgebung darstellen. Der andere unterrichtet Philosophie an einer Schule in Marrakesch.

  Der zweite Bruder, der Philosophielehrer, hat einen tiefgreifenden Sinn für praktische Dilemmas. Eines Tages waren die beiden in Hypermarché von Marrakesch um einzukaufen. Es gibt zwei riesige Supermärkte in der Stadt, moderne, westliche Gebilde mit allen möglichen sinnvollen und nutzlosen Dingen. Der kleinere gehört dem Bruder des Königs. Der größere, der gehört natürlich Mohammed 6. höchstpersönlich.

  Salmans Bruder sah ein Regal voller Glühbirnen. Kleine Dinge, kaum teuer. Eine für vielleicht zehn Dirham (einen Euro). „Was denkst du passiert, wenn ich eine von den Glühbirnen stehle?“ fragte er seinen Bruder und steckte sie in seine Tasche. Nur um es auszuprobieren. Es war kein böswillig motivierter Diebstahl, sondern ein philosophisch motivierter. Ein Experiment.

  Die beiden kauften weiter ein. Salmans Bruder wollte seine neue Wohnung einrichten, also kauften die beiden sehr viel. Gut zweitausend Dirham, also ein wirklich stattlicher Betrag. Über die Fragen, was denn alles zu kaufen war, vergaßen die beiden vollkommen, dass in einer der Hemdtaschen noch die Glühbirne steckte.

  Die zahlten, gingen aus dem Hypermarché und als sie ihren Einkauf in ihren Wagen luden, traten prompt zwei Männer an Salmans Bruder heran und baten ihn mit ihnen zu kommen. Salman wartete beim Wagen und fragte sich, was für eine Antwort sein Bruder wohl auf sein Experiment bekommen würde.

  Knapp eine Stunde später kam auch der Bruder wieder aus dem Supermarkt. „Die Reichen,“ so seine Antwort, „die achten sehr sorgsam auf ihren Besitz.“

  Man hatte ihn in einen kleinen Raum geführt, wo der Chef der Supermarktsicherheit auf ihn wartete. Die Glühbirne lag zwischen ihnen auf einem Tisch. Salmans Bruder hatte zu sprechen begonnen. „Ja, ich habe diese Glühbirne gestohlen. Ich übernehme die Verantwortung dafür. Ich wollte wissen, was passiert.“

  „Weißt du, wen du bestohlen hast?“ entgegnete ihm der Sicherheitschef. Er pausierte einen Moment für den dramatischen Effekt, rückte mit seinem Sessel zur Seite und drehte sich halb zur Wand hinter ihm. Dort hang, wie beinahe überall, ein Portrait seiner Majestät.

  „Ich habe in diesem Supermarkt für gut zweitausend Dirham eingekauft,“ sagte Salmans Bruder. „Diese Glühbirne, wie viel kostet sie? Zehn Dirham.“ Auf dem Markt in der Medina hätte ihm jeder Händler diese Glühbirne und wohl noch mehr geschenkt, wenn er für so einen Betrag eingekauft hätte.

  Er traf nur auf den kalten, überheblichen Blick des Sicherheitschefs. Du gehörst dem König, sagte dieser Blick. Du gehörst uns. „Die Strafe für Diebstahl beträgt dreihundert Dirham.“

  So einfach hatte sich eine Glühbirne um zehn Dirham in eine um dreihundert Dirham verwandelt. Die Glühbirnen des Königs müssen schließlich einen königlichen Preis haben. Salmans Bruder hatte das Resultat seines Experimentes bekommen. „Die Reichen, die achten wirklich sehr sorgsam auf ihren Besitz.“

Welcome to India

Indien ist nicht freundlich zu Neuankömmlingen, warnt Suketu Mehta in seinem Buch Bombay: Maximum City. Es gibt einfach zuviel was sie nicht wissen. Begonnen bei schlagfertigen Sandwichverkäufern im Indira Gandhi Airport, die einfach erfragt haben, was denn ein Flughafensandwich in Europa kostet und dann einfach zehn Euro von den leicht schockierten und beklommenen Weißen einstecken, kann Indien ein Kampf für den Unkundigen sein.

Heute hat sich vieles verändert, denn Information fließt leichter und schneller, aber meinen ersten Besuch in Indien in 2003 werde ich in guter Erinnerung behalten.

„Welcome to India“ – ein Kopf schob sich unerwarteter Weise von unten ins Fenster meines Taxis, als ob der Besitzer besagten Kopfes vor dem Wagen am Boden gekauert hatte. Er öffnete mir die Tür und wartete darauf, dass eines meiner Gepäckstücke in Griffweite kam und er es sich über die Schulter schwingen konnte.

Ich war misstrauisch. Es war mein erster Besuch in Delhi. Ich war damals zweiundzwanzig und dachte ich kenne asiatische Verhältnisse von Aufenthalten in Thailand und Malaysien, aber nichts kann einen auf Indien wirklich vorbereiten.

Mein Taxifahrer vermied meinen Blick. Er war schuldbewusst. Zwanzig Minuten zuvor hatte er versucht mich zusammen mit einem Con-Artist, einem Betrüger, in das falsche Hotel zu locken, das ihm und seinem Komplizen ein paar Rupien an Provision anbot, Gäste von außerhalb (und das schließt Inder ebenso ein wie ratlose Europäer) in ihr Hotel zu lotsen. Provisionshaie sind überall in Asien zu finden, aber in Delhi machen sie das ganz unverschämt. Am Flughafen wird das Taxi zwar zumindest nominell von der Polizei kontrolliert, aber so hält der Fahrer einfach an einem Ort knapp nach dem Flughafen, wo eine Gruppe an Männer steht und auf diese Taxis wartet. Kurzerhand springt dann einer von ihnen in das Taxi und beginnt eine Konversation mit dem Neuankömmling. Im Falle von Westlern, die meistens ohnehin bereits in ihrem Reiseführer blättern und verzweifelt nach Tipps suchen, wie man mit so einer Situation denn kulturgemäß fertig werden soll, fällt das nicht schwer. Er sagt er will helfen oder er will sich den Reiseführer ansehen und wenn er dann den Namen des Hotels aus einem herausbekommen hat, dann verzieht er das Gesicht, setzt eine nachdenklich oder abschätzige Miene auf.

„Nein, nein, das Hotel gibt es schon lange nicht mehr.“ „Dort ist alles voll.“ „Das ist letzte Woche abgebrannt.“

Aber kein Problem, er hat eine Lösung. Aufs Stichwort kurvt das Taxi in einen der schäbigeren Bezirke von Delhi. Durch kleine Gassen, vorbei an Schlaglöchern und Schutthaufen. Selbst in der Nacht sind die Strassen belebt. Weigekleidete Gestalten schimmern in den Scheinwerfern auf und verschwinden als Schemen im Dunkel. Die Augen von Kühen oder Hunden strahlen einem aus Sackgassen und leeren Torbögen entgegen. Menschen stehen und starren, scheinbar unbeweglich, am Punkt festgemacht und nur mit Neugierde versehen. Das Taxi holpert weiter und bleibt schließlich vor einer Tür stehen. Ein großes, unbeleuchtetes Schild darüber ist schwer zu entziffern, aber man macht die Worte Hotel oder Lodge oder Guest House aus. Drinnen, hinter der Theke warten schon die Besitzer, auf ihren Gesichtern das vage überlegene Lächeln von Menschen, die sich sicher sind jemanden schon erfolgreich betrogen  zu haben. Nein, das ist nicht das Hotel dass Sie suchen, lieber Gast. Aber wir sind besser. Geben Sie mir einmal die Nummer, bitte.

Der Mann am Check-In Schalter schnappt sich den Reiseführer und als er bemerkt, dass ich ihn genau beobachte hält er sogar seine Hand so, dass ich die Zahlenscheibe des Telefons nicht erkennen kann. Ich kann mir ein Augenrollen kaum verkneifen, denke aber dass das Ganze am Schnellsten vorbei geht, wenn ich mitspiele und sie ins Leere laufen lasse.

Er drückt mir den Hörer in die Hand. Das Guest House in dem ich ein Zimmer bestellt habe und zu dem mich der Taxifahrer eigentlich hätte bringen sollen, das wird von einem tibetischen Paar betrieben aber die Stimme, die sich meldet ist deutlich indisch. Ich frage nach Thupten, dem Namen des Mannes mit dem ich E-Mails ausgetauscht habe. Er habe aufgehört hier zu arbeiten und überhaupt kenne der Mann am anderen Ende der Leitung keinen Thupten aber ich spreche sicher mit dem richtigen Hotel.

Jetzt reißt mir der Geduldsfaden. Ich stelle mir vor, der Mann mit dem ich spreche sitzt irgendwo im nächsten Raum und das selbstgefällige Lächeln auf den Gesichtern um mich wird mir zu blöd. Zuerst fahre ich den Mann über Telefon an, dann den Mann, der mich hergelotst hat. Ich will das idiotische Spiel nur zu Ende bringen, aber der Ärger überkommt mich. Hände werden entschuldigend gehoben, Blicke zu Boden gesenkt. Man führt mich fast freundlich wieder hinaus und zurück in das Taxi, bietet mir eine Zigarette an und das Taxi holpert weiter, diesmal nur mit mir und dem Fahrer. Immer noch zornig, rede ich so lange auf den Fahrer ein, bis er mich bittet doch endlich aufzuhören mit ihm zu schimpfen.

Ich lehne mich zurück, aber der Ärger, angefacht durch die Spannung in einem fremden Land zu sein und die Müdigkeit von einem langen Flug, legt sich nur langsam. Fast wäre ich den Mann, der mich freundlich willkommen heißt und nun meinen großen Rucksack in mein ursprünglich reserviertes Hotel schleppt genauso angefahren.

„Welcome to India.“

Keine Gruppenreisen, kein Luxushotel, keine gemieteten Wägen. Ich reise alleine, bloß mit einem Rucksack und neugierig auf die Welt. Ich reise in klapprigen Bussen, vollgestopften Zügen, Rikshas, schlafe in oft winzigen Räumen. Ich lebe von Tag zu Tag auf den Reisen, weit weg von jeglichem Alltag. Erschöpfend, begeisternd, manchmal gefährlich und immer interessant.