Glühbirnen für den König – eine Parabel aus Marrakesch

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Glühbirnen für den König

Wie man (nicht) von Seiner Majestät in Marrakesch stiehlt…

Salman studiert in Marrakesch an der Fakultät für Literatur. Er hat zwei ältere Brüder. Der eine, der heute als Arzt für die Regierung arbeitet, hat lange Jahre in Saudi Arabien hadiths studiert, also die dem Propheten zugeschriebenen Aussprüche, die einen essentiellen Teil der islamischen Gesetzgebung darstellen. Der andere unterrichtet Philosophie an einer Schule in Marrakesch.

  Der zweite Bruder, der Philosophielehrer, hat einen tiefgreifenden Sinn für praktische Dilemmas. Eines Tages waren die beiden in Hypermarché von Marrakesch um einzukaufen. Es gibt zwei riesige Supermärkte in der Stadt, moderne, westliche Gebilde mit allen möglichen sinnvollen und nutzlosen Dingen. Der kleinere gehört dem Bruder des Königs. Der größere, der gehört natürlich Mohammed 6. höchstpersönlich.

  Salmans Bruder sah ein Regal voller Glühbirnen. Kleine Dinge, kaum teuer. Eine für vielleicht zehn Dirham (einen Euro). „Was denkst du passiert, wenn ich eine von den Glühbirnen stehle?“ fragte er seinen Bruder und steckte sie in seine Tasche. Nur um es auszuprobieren. Es war kein böswillig motivierter Diebstahl, sondern ein philosophisch motivierter. Ein Experiment.

  Die beiden kauften weiter ein. Salmans Bruder wollte seine neue Wohnung einrichten, also kauften die beiden sehr viel. Gut zweitausend Dirham, also ein wirklich stattlicher Betrag. Über die Fragen, was denn alles zu kaufen war, vergaßen die beiden vollkommen, dass in einer der Hemdtaschen noch die Glühbirne steckte.

  Die zahlten, gingen aus dem Hypermarché und als sie ihren Einkauf in ihren Wagen luden, traten prompt zwei Männer an Salmans Bruder heran und baten ihn mit ihnen zu kommen. Salman wartete beim Wagen und fragte sich, was für eine Antwort sein Bruder wohl auf sein Experiment bekommen würde.

  Knapp eine Stunde später kam auch der Bruder wieder aus dem Supermarkt. „Die Reichen,“ so seine Antwort, „die achten sehr sorgsam auf ihren Besitz.“

  Man hatte ihn in einen kleinen Raum geführt, wo der Chef der Supermarktsicherheit auf ihn wartete. Die Glühbirne lag zwischen ihnen auf einem Tisch. Salmans Bruder hatte zu sprechen begonnen. „Ja, ich habe diese Glühbirne gestohlen. Ich übernehme die Verantwortung dafür. Ich wollte wissen, was passiert.“

  „Weißt du, wen du bestohlen hast?“ entgegnete ihm der Sicherheitschef. Er pausierte einen Moment für den dramatischen Effekt, rückte mit seinem Sessel zur Seite und drehte sich halb zur Wand hinter ihm. Dort hang, wie beinahe überall, ein Portrait seiner Majestät.

  „Ich habe in diesem Supermarkt für gut zweitausend Dirham eingekauft,“ sagte Salmans Bruder. „Diese Glühbirne, wie viel kostet sie? Zehn Dirham.“ Auf dem Markt in der Medina hätte ihm jeder Händler diese Glühbirne und wohl noch mehr geschenkt, wenn er für so einen Betrag eingekauft hätte.

  Er traf nur auf den kalten, überheblichen Blick des Sicherheitschefs. Du gehörst dem König, sagte dieser Blick. Du gehörst uns. „Die Strafe für Diebstahl beträgt dreihundert Dirham.“

  So einfach hatte sich eine Glühbirne um zehn Dirham in eine um dreihundert Dirham verwandelt. Die Glühbirnen des Königs müssen schließlich einen königlichen Preis haben. Salmans Bruder hatte das Resultat seines Experimentes bekommen. „Die Reichen, die achten wirklich sehr sorgsam auf ihren Besitz.“

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