Sightseeing mit Dealer Teil 1

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  In Marrakesch kann man in ein Schuhgeschäft gehen und mit einem Angebot für ein Motorrad, vier Leuten, die einem die Stadt zeigen, einem Sack voll Kiff in der Tasche und fünfzehn Gläsern Minztee im Bauch wieder auf die Strasse kommen. Ob man die Schuhe auch dabei hat, die man ursprünglich wollte, ist eine andere Frage.

  Es ist ein Ort wo Unerwartetes normal ist, Normales außergewöhnlich und die Wahrheit knet-, dehn- und formbar ist. Auf der Suche nach einem normalen Gespräch findet man sich oft in der Rolle von Brian aus Das Leben des Brian, der sich verzweifelt gegen den Kauf einer Kalebasse wehren muss.

  Die meisten Menschen sind sehr persönlich und emotional in ihrem Handel, ihren Ausdrücken. Sehr unmittelbar. Ein feundlicher Berber gibt mir nach kurzem Gespräch eine kleine Blume, die er in der Hand hält. Ein Lastenträger, der mich im Vorbeigehen nach einer Zigarette fragt, starrt mich für ein paar Momente mit unverhohlenem Hass an, als ich sage ich rauche nicht und ihm keine Münze für eine Zigarette geben will. Ein Händler scheint am Rand von Tränen, weil ich in seinem Geschäft kein Interesse an der Ware zeige.

  Alles ist Gelegenheit für Handel, denn der Handel ist das Herzblut des Stadt. Du bist nicht bereit zu handeln? Dann bist du geizig oder selbstsüchtig. Ein Urteil hier ist schnell gefällt und, wenn man an den falschen gerät, wird es leicht vom unsichtbaren Netz der Flüsterer durch die Stadt getragen. Eine unbedachte Bemerkung kann einen heftigen Streit auslösen. Aber ebenso schnell ist das Urteil vergessen, denn der Tee ist fertig. Mit einem rostigen Taschenmesser schneidet man Stücke von einem Ziegel Zucker und drückt sie in die Mischung aus Minze und Grüntee. Der Dampf und der Geruch vertreiben böse Gedanken und die Streitenden sitzen beisammen.

  Klügere Köpfe streiten nicht, aber klügere Köpfe müssen sich selten um ihr täglich Brot auf der Strasse bemühen. Mein Interesse war es, die Strassen von Marrakesh mit jemandem zu sehen, der sie unmittelbar kennt.

  Etwas, mit dem sich jeder Einzelreisende in Marokko tagaus und tagein konfrontiert sieht, sind die Haschischhändler. „My friend.“ „You want some good stuff?“ „I have something for you.“ „Do you smoke?“ „Kiff Kiff.“ Manche sprechen bis auf diese Phrasen kaum Englisch, aber zumindest die kennen sie dank der permanenten Wiederholung.

  Man findet sie überall und an schlechten Tagen scheint es, als wäre die halbe Stadt voll von ihnen. Kiff ist das Hauptexportprodukt des Landes und obwohl es offiziell illegal ist, ist der Gebrauch immens verbreitet. Ein Freund von mir, der per Autostopp durch das Land gereist ist, wurde beispielsweise von einem Polizisten außer Dienst mitgenommen, der komplett bekifft gefahren ist und dabei bestimmt vom schlechten Gewissen verschont geblieben ist. Kiff an Touristen verkaufen ist ein rentables Geschäft für viele der jungen Männer, die von außerhalb nach Marrakesh kommen oder in den schäbigeren Bezirken der Stadt aufwachsen. Viele Leute kommen hauptsächlich deswegen in das Land – mein eigenes Interesse ist etwas breiter gestreut…

  Marrakesch ist keine arme Stadt. Sie ist unterteilt in den modernen und den alten Teil der Stadt. Der moderne Teil ist der, den Touristen gerne ignorieren, oder höchstens mit betretener Überraschung wahrnehmen. Der moderne Bahnhof, das ewig unfertige Theatre Royal, Coffeeshops, gläserne Geschäfte, Regierungsgebäude und dazwischen Reihenhäuser für Studenten und Familien…eine moderne Stadt, eben. Der alte Teil ist der historische Kern, der die Touristen anzieht – die Jemaa el Fnaa, die überdachten Soukhs, noble Riads in verwinkelten Gassen – aber auch die ärmeren Bezirke der Arbeiter und Arbeitslosen, die Mellah und ihre verborgenen Hinterhöfe und niedrigen Gassen.

  Ich spielte mich mit verschiedenen Gedanken. Fotografie war eine Herausforderung, nachdem die meisten Menschen stumm wurden und nicht mehr mit mir sprachen, wenn ich sie fragte ob ich ein Foto von ihnen machen dürfte…wenn mir jemand helfen könnte, der Arabisch sprach, wäre zumindest die Kommunikation einfacher und man könnte vermitteln, was man denn machen will. Da war auch noch der Wunsch, die Stadt mit jemandem zu erleben, der sie auf eine unmittelbare Art und Weise kannte. Außerdem stand mir der Sinn einfach nach einem kleinen Abenteuer, bei dem ich den Ausgang nicht ganz vorhersehen konnte.

  Einen Dealer zu bitten, mich durch die Stadt zu führen und mir bei meinen Fotos behilflich zu sein, erschien mir nach diesen Gesichtspunkten als eine interessante Idee…

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