Sightseeing mit Dealer Teil 4

Teil 1

Teil 2

Teil 3

 

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Mein Guide ergeht sich weiter in Bestätigungen seiner eigenen künstlerischen Kraft, während ich ihn freundlich ignoriere und fotografiere. Ein junger Mann tritt an mich heran, lächelt und macht mit beiden Händen eine Geste als würde er fotografieren. Er spricht mich auf arabisch an.

Mit einem Mal wird mein Guide zornig. Ein Schwall sicherlich wenig freundlicher arabischer Worte ergießt sich über den jungen Mann. Aufgeweckt von dem Zorn beteiligen sich unerwarteter Weise auch einige der Händler in den umliegenden Geschäften an dem Streit. Hände werden gen Himmel gestreckt, Fäuste geballt, mein Guide keift in alle Richtungen und die Ecke des Soukhs explodiert förmlich in Worten, Gesten und Flüchen.

Auch als wir schon einiges an Metern hinter uns gebracht haben ist mein Guide aufgebracht. „Warum glaubt er, dass er dich belästigen kann? Er sieht, dass du arbeitest, und er kommt und redet solchen Blödsinn. Warum macht er das? Ich könnte…“ Es mangelt ihm definitiv nicht an Einsatz und ich bin so perplex von seinem Ausbruch, dass ich mich selbst bei ihm entschuldige. Das verwirrt ihn und beruhigt ihn erst einmal. „Aber nein, das ist ja nicht dein Fehler.“

Für ein paar Minuten gehen wir etwas planlos durch die Gassen. Der Zorn hat der Verwirrung Platz gemacht. Dann fasst mein Guide einen Entschluss. „Komm.“ Und bevor ich mich versehe biegen wir durch schmale Gassen, bücken uns in höhlenartige Durchgänge zwischen Häusern, die schlagartig so stockdunkel sind, dass man nicht erkennt wohin man den Fuß setzt. Wir halten erst wieder in einem kleinen Innenhof, in dem eine dicke Frau in weiß den Boden fegt und eine andere, ältere die Wäsche von der Leine pflückt. Instinktiv vermeide ich es, die Frauen länger anzusehen – das ist selten eine gute Idee bei dem schlagartigen Temperament der Männer – aber ich kann mir ein Lächeln und Nicken und ein „Salaam Aleikum“ nicht versagen. Er bleibt wortlos, führt mich durch einen Vorhang in einen kleinen Raum, wo wir uns, ebenso wortlos auf eine Teppich am Boden um einen kleinen Tisch setzen.

Er schenkt mir Wasser aus einem Krug ein, den eine der beiden Frauen reicht. Sie sind uns in den Raum gefolgt. Niemand stellt eine Frage oder nimmt es irgendwie als seltsam, dass ich als offensichtlich Fremder hier sitze. Also mache ich mir keine Gedanken. Zwei Kinder tauchen hinter einer Ecke auf und ich bin fast enttäuscht, dass auch sie keine sonderliche Neugier zeigen. Der Bub sieht mich kurz an, spricht dann mit meinem Guide. Die beiden sind sichtlich verwandt. „Der Sohn meiner Schwester.“

Die jüngere Frau, die Schwester meines Guides, bringt uns ein Teller mit gelben Linsen mit Kürbis und dazu gerissenes Fladenbrot. Es ist angenehm hier zu sitzen, die selbstverständliche Gastfreundschaft zu erfahren und zu sehen wie sie keinen Moment hinterfragt wird. Ich kann in solchen Momenten – die man als Reisender immer wieder erfährt – nicht anders als die Situation in meinem Kopf umzudrehen und zu überlegen wie oft ein Fremder in meinem eigenen Land in so einer Situation nur Misstrauen und Unfreundlichkeit erfährt. Es mag sein, dass man sich auf der Strasse mehr ungewohnten Situationen erwehren muss, aber wenn man mit jemandem beim Essen zusammensitzt, erfährt man reine Gastfreundschaft ohne Hintergedanken.

Ich versuche die Familiensituation meines Guides zu erraten. Ist die andere Frau seine Mutter? „Meine Tante.“ Er nimmt noch etwas zu essen, scheint etwas angespannt. Sein Vater kommt aus der westlichen Sahara, so viel weiß ich. Seine Mutter? Verschollen? Irgendetwas arbeitet in ihm, er wirkt verschlossen also frage ich nicht weiter. Der Raum ist simpel, dunkel. Eine Waschstelle im Eck, ein ausgepolsterter Sitzplatz. Der Rest des kleinen verwinkelten Hauses ist mit Tüchern oder Plastikplanen verhängt. Ein Raum für die Frauen und Kinder, einer für meinen Guide? Oder nur ein Raum für alle?

„Iss das.“ Er zeigt auf ein Stück mit Kürbis. Ich sehe er hat Hunger und würde es selbst gerne essen, schiebt es mir aber aufs Teller. „Das sind die besten Stücke. Mehr Brot?“ Ich weiß nicht wie viel die Familie zu essen hat, aber da sie so bereitwillig teilen nehme ich an nicht sehr viel. Die Armen teilen, die Reichen berechnen – soviel habe ich in Marokko schon gelernt.

Wir haben mittlerweile das Teller geleert. Seine Schwester nimmt es wieder mit. Sie scheint zufrieden und verschwindet in einen anderen Raum. Mein Guide bietet mir an, meine Hände an der Spüle zu wachsen.

Wir verlassen das Haus, vorbei an der älteren Frau, die nun mit einem Stück Tuch im Hof sitzt. Keine Spur von den Kindern.

Wieder auf der Strasse mache ich ein Foto von einem Eselkarren. Ein junges Mädchen in Schuluniform ist im Hintergrund. Wir gehen weiter und ihr Blick weckt meine Aufmerksamkeit. „Did you take a photograph of me?“ fragt sie. Der Ton ihrer Stimme ist schwer zu lesen. Sie sieht mich neugierig und fragend an. „No. Of the donkey. Up there.“ „Ah.“

„Was ist das?“ frage ich meinen Guide und zeige in einen Hof, in dem ich ein altes Fahrrad sehen kann, das mich fasziniert.

„Dort sind die Metallarbeiter.“

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