Nako und Tabo – zwei der ältesten buddistischen Klöster der Welt

Nach langer Zeit mit ausschließlich englischen Einträgen, gibt es jetzt wieder einen deutschsprachigen Eintrag. Hinauf in die Berge, zu tausend Jahre alten Klöstern und den Schätzen, die man in ihrem Inneren findet.

Wann immer ich in Nako erwähnte woher ich kam, gab es eine angenehme Überraschung. Die Menschen lächelten breit und sagten: Ah, deine Leute kommen immer wieder das Kloster restaurieren. Neugierig geworden begab ich mich zum Kloster um herauszufinden wer denn meine Leute waren und was sie restaurierten.
In Nako gibt es zwei Tempel. Einer wurde vor drei Jahren errichtet, wieder zum Anlass der bereits erwähnten Kalachaka Zeremonie in Tabo, ein paar Stunden weiter nördlich. Er wude gebaut um dort den Dalai Lama samt seinem Hofstaat unterzubringen – ein imposantes einstöckiges Gebäude aus rotbemaltem Holz mit weiten verzierten Flügeltüren und bunten Holzintarsien um die Fenster, steht es auf einem weiten betonierten Platz. Es wirkt für die bescheidenen Verhältnisse absolut majestätisch, nur steht es komplett leer. Sei es aus einem Gefühl der Ehre, der Gewohnheit oder einfach um Heizkosten zu sparen – seit dem der Dalai Lama Nako verlassen hat, steht sein Tempel vollkommen leer, wird aber tadellos in Schuss gehalten. Residiert hat er darin vielleicht knapp drei Wochen.

Der zweite Tempel ist etwas älter. Knappe eintausend Jahre. Ein niedriger Lehmbau, beeindruckend dunkelrot bemalt und teilweise verfallen. Ein Holzbau im Hof des Tempels dient den Mönchen (im Moment dreien) als Zeremonien- und Wohnraum. Der Empfang ist sehr freundlich und Beschilderung auf Englisch und Hindi hilft einem, Sinn aus den verstreuten Gebäuden zu machen. Meine Leute sind ein Team von der Universität für angewandte Kunst in Wien, das seit 2004 jeden Herbst hierher kommt und die Wandmalereien, Skulpturarbeiten und teilweise sogar die bemalten Holzdecken in Stand hält und freilegt. Ich klettere in den Hauptraum – keine Beleuchtung, keine Fotografie erlaubt. Es ist ein erstaunlich hoher Raum, gebaut aus Holz und Lehm. Statuen aus Holz und Ton stehen in Wandnischen oder um den Altar. Auf dem Boden Polster und Decken, Trommeln und Ritualutensilien der Mönche. Das einzig Moderne ist ein kleiner Altar, den die Mönche mit Hilfe von bunten Glühbirnen und Lametta errichtet haben und der wie ein verirrter Wurlitzer aussieht. Ein junger Mönch zeigt mir die Wandmalereien mit einer Taschenlampe.

Man fühlt sich trotzdem wie ein Entdecker, der plötzlich weit zurück in die Zeit schauen kann. Aufzeichnungen sind beinahe non-existent, wurden von der Zeit oder von kriegerischen Einfällen zestört, also stellen Werke wie die zwei gewaltigen Mandalas, kreisförmige Darstellungen, um eine zentrale Gottheit ausgerichtet, die ein Bild der gesamten Welt durch den Blick dieser Gottheit darstellen, ein immenses historisches Erbe dar. Vor meinem inneren Auge spielen sich die Leben von Generationen von Mönchen und Handwerkern ab, während das Dorf langsam um das Kloster wächst. Wenn man auf solche Werke, außerhalb eines Museums, an dem Ort an dem sie geschaffen wurden blickt, hat man das Gefühl die Zeit ist für Momente außer Kraft gesetzt und man kann Zwiesprache mit Menschen halten, die seit Generationen Staub sind.

Ähnlich, vielleicht noch gewaltiger, ist es in Tabo, einer Klosterstadt weiter nördlich. Ich reise jetzt mit einer kleinen Gruppe, die sich in Nako zusammengefunden hat, als die Strasse für knapp eine Woche von einer Schuttlawine gesperrt war. Wir legen zusammen und mieten einen Jeep, um die Anspannung einer Busfahrt zu vermeiden. Wir verlassen Nako und Kinnaur, sagen auf Wiedersehen zu den hochspektakulären und gefährlichen Strassen. Spiti liegt zwar generell höher, aber die Strassen verlaufen nahe am Flussufer, etwas schonender für die Nerven.

Tabo ist Heimat des ältesten und größten erhaltenen buddhistischen Klosters. Auch hier gibt es österreichische Verbindungen – Forscher von der Hauptuniversität Wien studieren die Fresken und die Geschichte des Ortes seit mehreren Jahren. Ein persönliche Überraschung bietet sich mir, als ich mir die Bücher über das Kloster ansehe, die von den Mönchen vekauft werden. Eines davon wurde von einer meiner Professorinnen in Kunstgeschichte geschrieben. Tabo ist ein unglaubliches Erlebnis. Ein niedriger Bau, kalkiges Licht kommt nur aus Luken in der Decke und von unseren Taschenlampen und der des begleitenden Mönchs. Es wirkt wie ein Vorstoß in eine Höhle. Der Lichtkegel enthüllt mehr und mehr Bilder, die wie ein Film über die Geschichte des Klosters vor uns ablaufen. Erstaunlich für ein buddhistisches Kloster ist eine riesige Statue von Shiva, einem der Hauptgötter des indischen Pantheons. Ebenso erstaunlich sind Bilder, die im Aufbau fast europäisch wirken und dreidimensionale Darstellungen von Klosterstädten und ihren Bewohnern. Die Statuen und Bilder sind abwechselnd mysteriös und bedrohlich. Gutmütig lächelnde weibliche Gottheiten wechselns sich mit Dämonenfratzen ab. Der geheimnisvollste Raum in einem buddhistischen Kloster aber bleibt der Gokhang – in dem Raum befindet sich die innerste Schutzgottheit des Klosters und er darf nur von Mönchen und nur nach langer Meditation betreten werden. Der Film bleibt dennoch in einer fremden Sprache…selbst als ich später die Bücher durcharbeite kann ich sehr wenig schlüssiges über die Geschichte der Region finden.

Tabo trieb Handel mit den Mongolen, den Tibetern (kulturell war die Region immer mehr Teil von Bhot, also Tibet, nur weil sie vor den Pässen lag, kamen Eroberer auch bis dorthin), mit dem benachbarten Königreichen Ladakh, Kullu und Mustang, dem Punjab, Afghanen, Persern, Sikhs und Nepalis. Trotz der entlegenen Lage war das Klosterleben hier nichts einsames. Handelskarawanen hielten wohl oft hier an, ebenso wie Pilger und das Kloster überlebte vom Zoll dieser Reisenden und dem Tribut der Gemeinschaft. Tabo hatte einen exzellenten Ruf als eine Stätte des höheren Wissens und zog viele Studenten an. Es gab ausreichend Dispute mit den benachbarten Königreichen und die meisten Klöster hatten auch Defensivanlagen. Im 19. Jahrhundert wurde die Region von Truppen aus dem Königreich Ladakh besetzt, die dann knapp sechzig Jahre später von einer einfallenden Armee von Ranjit Singh, dem Sikh Maharajah von Kullu, vertrieben wurden.

Heute hat Tabo eine Gemeinschaft von mehreren hundert Mönchen und Nonnen. Sie leben teilweise vom Tourismus (dem „Zoll der Reisenden“) – das Dorf beherbergt etwa zweitausend Menschen und ist sehr weitläufig, gelegen im Anfang eines weiten Tales. Seit mehreren Jahren vesucht man in Tabo, ähnlich dem Beispiel aus Kinnaur, Apfelhaine zu errichten. Allerdings ist das Ökosystem im Himalaya so sensibel, dass das Pflanzen von einigen hundert Bäumen spürbare Veränderungen heraufbeschwört. Früher hat es in Tabo vielleicht zehn bis fünfzehnmal im Jahr geregnet, meistens im Herbst. Heute ballen sich fast immer Wolken über dem Ort und die Luftfeuchtigkeit ist hoch. Es gibt so viel Regen wie noch nie, ganz als ob die Bäume sichtbar die Wolken der Region für sich herbeiholen. An und für sich nichts Schlechtes, bloß destabilisiert der Regen die Strassen und Schlammlawinen kommen nun fast monatlich vor.

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