Terranigma Teaser

Terranigma is my secret love-child that has now grown enough to ask for attention - it is a platform for travel stories and travel photography, starting with my own stories from the Western Himalaya.

Terranigma - terra = Earth, enigma = riddle - the Earth as an eternal riddle

This here is a teaser trailer - it is in German, but there are English captions (I’m working on getting them synched up)


Die Moschee am Ende der Welt

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Marrakesh beginnt am Place Jemaa el-Fnaa und hört vielleicht auch dort auf, nachdem der Platz in einer möglichen Übersetzung „Die Moschee am Ende der Welt“ heißt. Die Übersetzung ist umstritten („Vorhof der Moschee“ ist eine andere Möglichkeit), aber die Stimmung des Platzes macht diesen Namen eindeutig zum Besten und Treffendsten.

Die Moschee am Ende der Welt ist ein Zirkus, ein Schauspiel und ein Fest – und das jeden Tag. Ein Spektakel, das Neuankömmlinge vielleicht befremdet, aber unmittelbar in seinen Bann zieht. Man spürt hier, dass die Arabischen Nächte, die Geschichten aus der unendlichen, der tausendundeinen Nacht, immer noch, kräftiger als bloße Erinnerungen, lebendig werden können.

Tagsüber zeigt sich der Platz von einer touristischen Seite. Dutzend idente Stände, die man bloß an der Intensität der Verkäufer unterscheiden kann, bieten Wasser und frischgepressten Orangensaft für durstige Kehlen an. Schlangenbeschwörer enthüllen ihre entzahnten schwarzen Kobras und lassen sie zu den Bewegungen ihrer Flöten tanzen oder hängen sie zu neugierigen Touristen für ein Foto um den Arm oder den Hals. Berberäffchen in ledernem Gewand und roten Hüten zerren an ihren Leinen und ihre Besitzer warten auf leere Schulten und bildgierige Kameras. Buntgekleidete Wasserverkäufer, schon längst in Folklore versunken und ohne tagtägliche Bedeutung für die Marrakchis, leben für ein paar Dirham auf den Bildern der Besucher weiter.

Vieles lebt in Marrakesh nur für ein paar Dirham (oder ein paar mehr). Die ärmeren der städtischen Marrokkaner besitzen oft einen sehr raschen Intellekt und wissen genau wie man die Besucher und den Inhalt ihrer Taschen einschätzen kann. Jeder ist ein Gaukler, seien es nun die Akrobaten die auf dem Platz aufeinender balancieren oder der Händler, der auf der Sicherheit, dass du seinen Preis annimmst, balanciert. Jeder ist ein Gaukler, jeder ist ein Händler, jeder ist ein Stadtführer. Alles hat seinen Preis und nichts, so mag man meinen, ist umsonst. Die Welt ist ein Marktplatz und was verkauft wird hat manchmal Substanz und ist manchmal bloß ein verwinkelter Traum.

Nördlich des Platzes erstrecken sich die endlosen überdachten soukhs. Ein Labyrinth der Sinne und der Lügen, prachtvoller Dinge und wertlosem Müll. Wie leicht es ist, sich dort zu verlieren, inmitten von perforierten und verzierten Lampen aus Messing, Schmuck und Ohrringen in endlosen Wiederholungen und Variationen, intarsierten Holzschatullen, Bergen von tausend Arten von Datteln, saftig, trocken, hart, frisch gewaschen und glänzend, süß und herb, von Nüssen und getrockneten Früchten. Babouches? Espices? Huile d‘Argan? Tapis? Marokkanische Pantoffeln, Gewürze, Arganöl, Teppiche. Das Auge wird nicht müde, aber die Gedanken kommen langsamer nach einer halben Stunde (oder einer Stunde – oder gar zwei? Die Zeit scheint hier anders zu laufen) in den soukhs.

Zu meiner Überraschung sind die Händler mit denen ich spreche ruhig, beinahe schüchtern. Ich hatte laute, leutselige Menschen erwartet, großspurige Araber. Aber nein, ruhig und entschlossen wird gehandelt, immer mit Stolz und beinahe Angst davor dass der Kunde geht ohne etwas zu kaufen. Die europäische Angst vor dem beweglichen Preis der Ware scheint mir plötzlich seltsam. Man will zahlen wie ein Einheimischer, sich aber nicht dem unwürdigen Feilschen unterwerfen. Dabei kann es unglaublich Spaß machen mit sorgfältig abschätzigen Kommentaren und Argumenten um sich zu werfen, Zorn und Empörtheit zu mimen, nur um dann mit einem Lachen abzuschließen. Mit dem Händler beim Tee zusammenzusitzen und sich zu unterhalten, sich gegenseitig abzuschätzen und den Preis im Kopf zu formen oder einfach über Gott und die Welt zu reden und dann zu zahlen, was verlangt wird oder was man in der Tasche hat. Als ob es etwas bedeuten würde, den richtigen Preis zu erwischen (den es oftmals nicht einmal gibt). Natürlich will man nicht fünfmal so viel zahlen, wie man sollte, aber dazu führt man ja ein Gespräch – um zu klären wie ehrlich das Gegenüber ist.

Nach Irrwegen durch die überdachten Märkte, findet man sich endlich wieder am anderen Ende der Jemaa el-Fnaa wieder. Hier erinnert ein verhängtes Gerüst an den Bombenanschlag auf das Argana Cafe im Jahr 2011, der angeblich von einem marokkanischen Abschlag von Al Qaeda verübt wurde – das Attentat stellte eine enorme Ausnahme, und auch einen großen Schock, für die Marrakchis dar, die nur in ihrer Gastfreundlichkeit zu Extremen neigen.

Gegen Abend erwacht die Moschee zum Ende der Welt erst richtig, wenn auch die Einheimischen auf den Platz strömen und sich das Spektakel deutlich verändert. Die Schlangenbeschwörer und Affenzüchter sind verschwunden und an ihrer Stelle findet man verschleierte Wahrsagerinnen samt ihren Karten, die Männern wie Frauen in konspirativen Tönen ihr Schicksal ins Ohr flüstern. „Haram“, also unrein, nennt das der strenge Moslem, aber den meisten Menschen wiegt die Neugier scheinbar größer als der Glaube, denn die Damen warten selten lange auf Kundschaft.

In Gruppen stehen dort vielleicht dreißig Männer. Sie formen Kreise, aber was umkreisen sie? Die einen umkreisen zwei junge Männer, die sich gegenseitig umtanzen. Sie beide tragen dunkelrote Boxhandschuhe und schätzen einander ab. Der eigentlich Kampf ist kurz und selten heftig. Das hier ist Rekreation, kein Wettkampf. Die Handschuhe liegen am Boden und jeder kann sie aufheben und auf einen Herausforderer warten. Die Umstehenden, die wetten natürlich fleißig darauf, wer denn als Sieger aus dem Match hervorgeht.

Musik dringt aus dem nächsten Kreis hervor. In der Mitte sitzt, um einen alten Verstärker gedrängt, eine Gruppe an Musikern mit Gesichtern, die auch an einem Feuer in der Wüste nicht allzu fremd erscheinen würden und in Lederjacken gehüllt. Die Gesichter der Zuhörer sind animiert und viele klatschen im Rhythmus oder nehmen den Refrain des Liedes auf und singen. Die Musiker wirken wie eine Gruppe Freunde, die aus der Vergangenheit gewandert kamen. Man müsste bloß das Gewand tauschen und schon würde man sich ein paar hundert Jahre in der Zeit versetzt wähnen.

Gnawa Musiker in bunten Kostümen spielen gleich daneben und gelegentlich vermischen sich die Rhythmen in einer wilden Kakophonie, aber niemand lässt sich weiter davon stören. Der gesamte Platz hallt in einer wilden Mischung aus Tönen, Musik und Stimmen, die einen gleichermaßen aufnimmt und erfüllt.

Eine Gruppe von Komödianten ist an diesem Abend die größte Attraktion. In drei vier Ringen stehen die Männer und die vereinzelten Frauen um sie und betrachten eine Mischung aus Schauspiel, Clownerie, Musik und Akrobatik. Sie seien im Fernsehen aufgetreten, sagt ein Mann neben mir unaufgefordert. „Marokko sucht den Superstar.“

Auf mitgebrachten Bänken oder Teppichen sitzen vereinzelte Geschichtenerzähler und weben ihre Bilder vor den Augen der amüsierten Zuhörer. Arabisch ist eine ideale Sprache um Geschichten zu erzählen, seien sie nun aus dem Koran oder dem reichen Schatz an Erzählungen und Märchen. Gutturale Töne, herrschaftliche Gesten, aussagekräftige Blicke. Auch wenn man nichts versteht, fühlt man die Erzählung, oder stellt es sich zumindest vor.

In einer Ecke tanzen zwei Frauen – auf den ersten Blick wirkt das seltsam und unerwartet. Frauen, die in einem islamischen Land öffentlich tanzen? Wenn man näher kommt löst sich das Rätsel. Es sind zwei Transvestiten, zwei Männer in Makeup und Schleier. Ein behinderter junger Mann kniet neben ihnen und schlägt wild auf eine Trommel. Sollen sie also eine Freakshow darstellen? Aber Behinderte werden mit größter Sorgfalt und Sorge behandelt, hier steht Marokko den zuvorkommendsten europäischen Ländern in nichts nach, also enthalte ich mich eines schnellen Urteils und beobachte. Ein Schauspiel, ein Kabaret vielleicht, entsprungen aus einer unterdrückten Fantasie. Die umstehenden Männer lachen und genießen den Tanz, hegen heimlich vielleicht ihre eigenen Fantasien von tanzenden Frauen oder ganz anderen Dingen.

Dazwischen ziehen Bettler durch die Menge, Zigarettenverkäufer klimpern mit ihrem Wechselgeld um die Aufmerksamkeit potentieller Kunden zu erwecken und Kinder und Frauen stupsen Vorbeigehende an um ihre Ware, Tempo Taschentücher, an den Mann zu bringen.

Die Hauptattraktion für Neuankömmlinge ist auch aufgebaut. Binnen knapp einer Stunde werden jeden Nachmittag aus dem Nichts gut fünfzig Garküchen samt Tischen und Bänken aufgebaut. Bunt angerichtet strahlen Fische, Gemüse und Kebabspieße die Besucher an und geschäftige Männer gehen mit Speisekarten gewappnet auf Kundenfang. Die Art wie Kunden überzeugt werden, in diese Bude und nicht in die nächste zu gehen, die variiert. Viele benutzen die Taktik der Übertreibung - und das in beeindruckend vielen Sprachen und Varianten. Auf Deutsch, Spanisch, Italienisch, Französisch (sowieso), Polnisch, Russisch, sogar Japanisch wissen die meisten in ihr Etablissement einzuladen. Natürlich ist hier das beste Essen und das Land aus dem der Kunde gerade kommt ist das beste Land überhaupt. Andere benutzen – durchaus sympathisch – eine ehrlichere Variante. Es gibt sowieso überall das Gleiche, also warum kommst du nicht zu mir. Sie haben recht. Jeder einzelne der Stände hat auf den Punkt die gleiche Speisekarte und eine Möglichkeit die Qualität herauszufinden ist zu beobachten, wohin es denn die meisten Marokkaner zieht. Natürlich kann es sein, dass die auch bloß Besucher in Marrakesch sind und sich ebenso hin und her gezogen fühlen. In dem Fall spaziert man einfach ziellos in die Menge und sieht, wer am Überzeugendsten ist. Inshallah. Gott wird es schon richten und mit gefüllten Magen kommt man auf jeden Fall wieder raus.

Nach einer Mahlzeit von harira (marokkanischer Suppe), Couscous oder Tajine, Fisch oder Fleisch, kann man noch eine andere Spezialität degustieren: Gegarte Schnecken, die samt ihrer gestreiften Häuser in kochendem Wasser zubereitet und mit einem Zahnstocher serviert werden. Nachtisch gibt es an einem Teestand, wo ein starker Tee aus sieben verschiedenen Gewürzen serviert wird, der auf Wunsch noch mit einem Löffel voll tränentreibendem Kampfer verstärkt werden kann. Dazu gibt es einen bittersüßen Kuchen. Kichernd warnt mich einer der nebenstehenden Marokkaner vor dem Kuchen. „Der ist für Paare,“ sagt er und fährt dann flüsternd fort: „Da ist etwas drinnen, das sehr geil macht.“

Jemaa el-Fnaa ist ein UNESCO Welterbe oder, genauer gesagt, ein Masterpiece of the Oral and Intangible Heritage of Humanity, ein Meisterwerk der mündlichen Überlieferungen und der nicht greifbaren kulturellen Werte der Menschheit. Der gesamte Platz und alle (oder wahrscheinlich die meisten) der auf ihm stattfindenden Aktivitäten stehen unter Schutz. Die sich Tag für Tag verändernde menschliche Landschaft des Platzes ist ein Meisterwerk an sich, eine Mischung aus Poesie und touristischer Folklore. Was denn Wahrheit ist und was Schauspiel, so eine Frage mag man sich stellen, vor allem beim Umgang mit den vielen Strassenhändlern und den etwas schattigeren Gestalten im Umkreis des Platzes, aber fraglos enthält der Platz etwas, das für Marrakesch essentiell ist.

Auf alten Fotografien sieht man, dass die Jemaa el-Fnaa einstmals ein Platz für Händler aus den umliegenden Dörfern war, eine Karawanserai, ein Marktplatz auf dem man sich traf um Güter, ebenso wie wichtige Informationen zu tauschen. Zelte wurden aufgebaut und Menschen umkreisten Musiker, Gaukler oder Geschichtenerzähler (die damals eine nicht zu verachtende politische Macht hatten, denn sie konnten Meinungen, oft sehr subtil, transportieren und in Abwesenheit von allgemeinen Medien war die laute Stimme des Einen von recht großer Tragweite). Alles war temporär, bis auf die überdachten soukhs.

Die Jemaa el-Fnaa ist ein Platz, an dem Kulturen aufeinandertreffen und jeder, der sie besucht wird ein Teil des endlosen Schauspiels. Marrakesch – und das werden Besucher der Medina schnell feststellen – ist eine Stadt, die um einen Markt gewachsen ist und wo Handel und Tausch das Lebenselixier der Bewohner darstellt.

Wenn es denn einmal wahnsinniger und turbulenter wird, muss man sich bloß den Namen des Platzes in Erinnerung rufen. Es wird nicht stiller – und wohl auch nicht normaler – vor der Moschee am Ende der Welt.


Geschichtenerzählen im modernen Marokko

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Sein Nachbar sieht Joha, wie er in seinem Garten verzweifelt etwas sucht. „Joha,“ ruft er ihm zu. „Was sucht du?“
„Meinen Schlafzimmerschlüssel,“ kommt die Antwort.
„Wo hast du ihn den verloren?“
„Im Keller!“
„Äh…warum suchst du ihn dann hier?“
Joha schaut für einen Moment auf. „Wie soll ich den im Dunklen finden? Das Licht ist besser hier.“

Laut Tradition erzählt man mindestens sechs Joha Geschichten. Man erzählt sie im Wechsel. Zuerst der eine, dann der andere. Joha, den weisen Narren, kennt man in der ganzen muslimischen Welt unter verschiedenen Namen. In unseren Gefilden – in einer Überlieferung, die den Sufis zuzuschreiben ist – heißt er meistens Mullah Nasruddin.

Die Sufis bezeichnen die Geschichten gerne als philosophische Witze und es gibt Studien über die tiefere Bedeutung der Witze und ihres psychologischen Effektes. Geschichtenerzählen ist ein wichtiges soziales Phänomen…es entwickelt Vorstellungskraft und Charakter. Geschichten können komplexe Ideen auf simple Art und Weise wiedergeben. Effekt haben sie definitiv auch heute noch – ich eröffne gerne Erzählabende mit ein paar Geschichten von Mullah Nasruddin. Sie brechen das Eis wunderbar. Sie haben anscheinend auch restorative Wirkung…

Salmane ist ein Literaturstudent in Marrakesch. Wir kennen uns seit einigen Jahren, nachdem er mir bei meinem ersten Besuch in der Stadt seine Wohnung zum Übernachten angeboten hat. Er brachte mich auf seinem Motorrad quer durch die Stadt und hat eine Neigung so wenig Schlaf wie möglich zu bekommen. Zwei Stunden Schlaf und der hektische Verkehr der Stadt vertragen sich nicht so gut. Salmane nahm mich auf seinem Motorrad mit zum Bahnhof und sagte mir, während der Fahrt, dass er kaum die Augen offen halten konnte.

„Erzähl mir was, damit ich wach bleibe.“

Das erste, was mir in den Sinn kam, waren die Geschichten von Mullah Nasruddin. Ich erzählte brav sechs am Stück, während Autos und Motorräder an uns vorbei durch die Strassen schossen. Am Abend zuvor hatten wir gemeinsam seine Bachelorarbeit durchgelesen. Die Übersetzung und Analyse einer traditionellen Geschichten aus seiner Heimat, abgeschlossen von einem Gedicht, auf Englisch verfasst, über das Erzählen an sich.

Mit dabei war auch ein Studienkollege von Salmane, der uns seine Geschichte erzählte, von weisen Herrscher und seinen weisen Urteilen. Er hatte sie gelernt von Haj, einem Meister Erzähler, von dem er lernte Geschichten zu erzählen.

Wenn man die Artikel und die Literatur der letzten Jahre betrachtet, herrscht darin ein melancholischer Tenor. Geschichtenerzählen ist verdammt, wird in den Wirren der Moderne verschwinden. Eine Zeit lang hatte ich mich derselben modischen Melancholie verschrieben, aber solche Geschichten kommen von der älteren Generation und spiegeln wohl zum Teil auch ihre Ängste wieder. Wenn Geschichten wieder lebendig werden sollen, dann muss das über die junge Generation geschehen, die in der Moderne lebt und sie weniger überwältigend finden muss.

Mein letzter Besuch in Marrakesch hat mir gezeigt, dass das Erzählen absolut lebendig ist. Die Wege führten mich dabei sehr bald zum Café Clock.

Ein interkulturelles Café in der Kasbah. Eigentlich ist es eine Zweigstelle eines seit vielen Jahren in Fez etablierten Cafés, wurde aber von Beginn an mit eigenständigen und innovativen Ideen aufgebaut. Man mischt die marokkanischen Menüklassiker mit amerikanischen und europäischen Einflüssen durch, heuert junge englischsprechende Marokkaner als Personal an und zieht damit eine Mischung aus Touristen und jungen urbanen Marokkanern an. Das Café wird durch seine vielen Events, Musikabende und Hikayat – dem Geschichtenerzählen – zu einem wirklichen und lebendigen Treffpunkt zwischen zwei Kulturen.

Das Hikayat ist für mich – und auch für die Leitung des Cafés – das Herzstück. Haj, ein versierter Geschichtenerzähler, der früher noch auf der Jemaa el Fnaa erzählt hat, nimmt eine Gruppe von Stundenten unter seine Fittiche. Sie alle lernen ein Repertoire an Geschichten, auf Englisch und Darija, dem marokkanischen Dialekt. Diese Geschichten führen sie im Café an den Hikayat Abenden auf.

Das Projekt sucht sich ständig auszuweiten. Das Café sucht immer nach Leuten, die Ausbildung im Theater- und Schauspielbereich besitzen oder Sprechtraining und Bühnenpräsenz vermitteln können. Die Projekte dienen neben dem Erhalt der Erzähltradition auch der Stärkung von Frauen in der Gemeinschaft und dem sozialen Gefüge Marokkos.
Für ein Projekt, das vor einiger Zeit erfolgreich abgeschlossen wurde, gingen die zwei Erzählerinnen an eine Schule für Mädchen. Sie erzählten dort mit den Schülerinnen und ließen sie ihre eigenen Joha Geschichten erzählen – bloß dass Joha hier ein Mädchen war.

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Ein paar Tage bevor ich das hier schreibe waren Hajs Schüler zum ersten Mal auf der Jemaa el Fnaa und seit vielen Jahren konnte man auf dem Platz wieder Geschichten hören. Zum allerersten Mal auch aus den Mündern von zwei Frauen, Malika und Sahra. Die beiden sind die ersten Frauen die in der langen Tradition von Erzählern auf der Jemaa el Fnaa ihre Geschichten preisgegeben haben.

Die jungen Erzähler und die Tradition, die sie beleben, stellen für mich eine enorme Inspiration dar. Es ist schön mit Menschen zu sprechen, die Geschichten ernst nehmen und ein kleines Stück ihrer eigenen Tradition tragen wollen und können. Es sei jedem Besucher von Marrakesch ans Herz gelegt, am Donnerstag das Café Clock zu besuchen und das Hikayat selbst zu sehen.

Website: http://www.cafeclock.com

Fotos von Birgit Mühleder


Pattern Recognition

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It’s almost like a nervous tick. Check facebook – check your emails. Things are moving. If not, get them moving.

Moments devoted to oneself are considered unproductive, selfish isolation.

You are a hive being. Everyone is just one click away. You need to remain in constant contact with everyone or they will forget about you, eradicate you, take all value from you.

Do they like this? Do they like that? In the morning you stumble, bleary eyed and tired, to your computer. Coffee is a rush for your body, but online is a rush for your mind. You are no longer alone, no longer forced to watch your dreams, desires and failures play out in your head.

They are right in front of you, subsumed and mixed with the desires of everyone else. You can watch your dreams rise and fall in real time. How many people like this? How many people will come to my event? What is trending?
It’s always on your mind. Makes you itchy and restless whenever you enter one of those strange patches where your drug cannot be supplied and you’re forced to be offline. You are so meaningless in those moments.

You realize that your public persona – now it has a name again, thoughts rise, your own, not the hive thoughts…but everything will be forgotten again under the rush of incoming information – your public persona has forgotten your private persona. Severed itself from it. Cut the virtual umbilical cord. Your public persona is all that exists, apart from this…this madness. All those thoughts that you cannot write down, nor present in a clear light. Your unlikable side.

This darkness that needs a name. This is inside. Private. Private. It takes you on a dizzying spin…for a second.

Then wifi pops back up. You can connect. Rush. Facebook like a deluge of senseless information. Not nonsensical, but senseless, since none of your senses apart from the visual will ever process it. It numbs you once more. Makes you deaf to the voice of your private self. Feeling is reduced once more to little flickers of knowledge on the retina of your consciousness…your consciousness is now one big eye, of course…networks and synapses that mirror the networks you aim to build are inside of it.

Red likes and message numbers are momentarily mistaken for blood – but of course there is no blood here. A rush runs through you as they flicker up and up…you must have hit a virtual nerve. You ask a friend “Are you online” and need a moment to realize that he is sitting right next to you. Distances become meaningless, after all, even very short ones.

Your nervous tick now manifests itself in random likes and terrible spelling. I have no time, comes over you like a disease and you would never guess that it is simply your body momentarily remembering its mortality. Instead you rush even more, take on more tasks all of which you will leave half finished.

Your body is beyond tiredness already and claws the spirit back from the virtual world to envelop it with sleep. It tries to get it used to being corporeal in the several hours that the two spend together sleeping. You would never guess that your mind and your body are sharing a bed like two lovers fallen out with each other.

In the morning you wake up and it’s the spirit that drags the body to the virtual hole, jumping inside gleefully…


Terranigma im West46

Von 12. bis zum 27. August findet in Wien im West46 eine mehrwöchige Ausstellung namens Terranigma statt. Wir zeigen Fotografie und Dokumentarfilme aus Indien und Marokko. Daneben gibt es auch Abende mit Erzählungen und Tanz - wir kombinieren die zwei uralten Formen und geben ihnen einen modernen Touch.

West46VisualProgramm

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West46 findet man in der Westbahnstrasse 46, 1070 Wien. Die Ausstellung ist jeden Tag von 16 - 19 Uhr geöffnet und der Eintritt ist frei.

Links:

West46

Cyberlab (Sponsor)

Simon Villiger (Fotograf)

Sebastian Buchner (Organisator, Fotograf)

Michaela Mab (Tänzerin)

U-Ra-Mi-Li (Doku)

Al-Halqa (Doku)


Lem the Immortal

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Lem was immortal and it was a bother. Not in the sense that he was a Byronic sort and depressed by the utter impossibility of committing suicide – he had tried all sorts of demises, most of them were rather fun if you liked that sort of thing.

It was a bother because Lem had an awful memory.

Sometimes, when he was particularly drunk, he boasted of his immortality to drinking companions. Sometimes they were drunk enough to listen to him with actual attention.

“So, how were the pubs during Napoleonic times? And the girls of feudal China?” they would ask.

Lem would scratch his head, struck by the acute realization that he had totally forgotten everything about the Napoleonic times and feudal China. He felt like a schoolboy in such moments. Lords and men, I must be the only immortal vegetable around, he thought to himself.

He wondered what life everlasting was good for if you remembered jack shit. He could have known the slow progression in taste while drinking each vintage of a particularly fine wine for centuries, could have heard the actual shift and change in a dialect through generations, could have experienced how the changing morals of civilizations affected the perceptions of passion during love-making.

But all he remembered was getting drunk and working a sequence of forgettable jobs. Truly, I must be the only immortal moron there is.

Usually, at this point of the story, a woman comes along. But there had been so many women and none – sorry! – had been so memorable to Lem that she would serve as a radiant beacon for his attention and memory.

After several millennia he had realized that the only thing he loved was strong drink. Hell, sometimes it was the only thing he remembered. He was convinced that inside drunkenness there was this perfect moment of ember clarity waiting for him…he just had to reach it.

I don’t drink to forget my failures…I drink in the vague hope that I’ll eventually remember them.

He had been working diligently to perfect his addiction.

Now you, dear listener, might be wondering why are we telling the story of such a bland man in the first place? Well, because he is going to save the world.

Of course, you say. It’s one of those stories. Saving the world…I’m out of here.

But stay. Just a bit longer. It’s not quite one of those stories. You could look at it that way: Only a man who has the capacity to completely forget what the world has been like, despite seeing pretty much all of it, would actually be willing to save it.

How do you save the world, anyway? This big lump of misadventures and things gone wrong? Certainly, it’s constantly tumbling down an abyss, but the good news is – that abyss is pretty much bottomless. Lem mused over this while he drank. So, the only way to save it would be to go on. To go on with all your failures, hopes and clear cold mornings.

He had seen endings. He remembered that. People reaching the end of the line…there was so much anxiety and anguish. So much horror, but then this was spent. There was an instant of…well, what was it? Acceptance, perhaps? No, acceptance is too active a word.

It was like a wave…but also like the moment you remember having seen a calm ocean. He moved his glass around and watched the wave of wine break against the concave side. Briefly he imagined the glass swelling to titanic size and breaking…the world drowned by a flood of rather fine Merlot. Then survivors, clambering to shore, too drunk to stand.

Is that really the best thing we managed? Lem wondered, but wasn’t too sure what he meant. The world is saved by tiny acts after all. As long as they mean nothing but what they mean… He got up, not particularly drunk, and walked out into the world to beget a child or two and to see what else was there to do and to forget.


Digital or Analog? Does there have to be a Choice?

I don’t really see a huge divide in photography between digital and analog photography. No reason why somebody who practices one should not practice the other. There are some obvious advantages and drawbacks to either format…ideally I would hope a reconciliation of sorts, that people use both side by side in situations when using one format over the other is advantageous.

For that, of course, the market would have to shift quite significantly – or rather, people would have to think differently about photography. In the following paragraphs I’ll just jog through a few situations where I think one format is better to use than the other, in the hope of reaching some sort of personal clarity.

 

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Photography for online use (websites, online publications etc.)

This is the prevalent use for commercial photography and here it is quite obviously necessary to use digital format. It reduces working time for both actual photography and post-processing and quite simply transfers the images where they are supposed to be. This is where tweaks can be made, where images can be processed for better or for worse – it’s a playground where there are many tools and very little practical limitations. It also requires the least amount of skill and pure knowledge. It’s time saving, non-intensive photography. Results can be great, but someone who has working knowledge of digital photography only stands on somewhat shaky ground as far as photography as an existential raison d’etre is concerned.

It’s photography for the professional amateur who is also a designer, advertiser, programmer, experimental artist and gods know what.

It’s also photography for journalistic photographers who only work for online media.

If you want to work as an active photographer it is almost unavoidable to have a considerable amount of knowledge of digital photography and post-processing (that said, you can always position yourself in a market niche where you only offer analog photography).

You will be faced with a hundred factors that limit your time, most of them pointless to the work at hand, but leaving you very little time for the actual work. Speed is an advantage here, so digital is probably unavoidable if you are operating in a competitive environment.

Amateur photography

I find it hard to decide whether increased digital options and a larger range of equipment has brought any actual advantages to casual photographers…to say they save time that they would need to devote to a hobby is not exactly an endorsement. Basics are easier to learn and results are more readily visible, but the overall visual skill that is required and that would develop has rapidly declined or has specialized to see as you would see on the screen.

As far as general use is concerned, digital photography has altered (some may say destroyed) the photography market unalterably. Equipment is slowly catching up to high standard analog quality, but the lack of printing options and colour management that were provided by different film stock and printing techniques cannot be adequately replaced. Digital photography is a commodity, in the truest sense of the word, but is it actually beneficial to casual photographers or to photography in general?

I would recommend that amateur photographers learn to use traditional photography techniques and spend at least some time in darkrooms, simply to develop not only their pictures but their visual skill. Here, of course, one has to consider the question of resources – it’s more expensive, but if more people were to demand it, there could be more places that serve as shared darkrooms with shared equipment.

Snapshots

You want to take pictures of your family gathering? Your day out? Selfies? Etc? Memories with no artistic consideration? Get a smart phone with a good lens, enough megapixels to brag about and forget about more expensive cameras. It’s money you don’t need to spend and you help the market shrink a bit.

Photography which is going to be printed

Unless there are limiting conditions concerning time of delivery and changeability of the images, it’s probably beneficial to treat image-making, post-processing and printing as three entirely separate stages. To use separate tools helps create this sense of separation without the mediatory effect of the computer.

Generally an image requires a certain remove to exist…if you constantly check whether something is right it’s a slightly compulsive and obsessive behavior that is in the way of actual reflection. Being able to constantly check is good for product photography or advertising, but that is not all that photography is or is meant to be.

If you want to print your photographs I assume that you want to spend a considerable amount of time, energy and imagination to make them good and worthwhile. This means allowing time for reflection, careful image-making, considered rather than automated choice of post-processing and choice of paper, printing appliances and all the minor and major adjustments along the way.

This is time-consuming and requires skill and experience. Digital photography does not provide any short cuts in this area and analog offers more options and rewards to an experienced photographer.

That being said the high end range of digital equipment provides a wealth of options and post processing has advanced considerably…still, the overall psychological impact of an image is higher if you see it as an actual rather than a virtual object. It is a representation of something actual to begin with and so stands at a remove from the very start. To remove it twice is akin to making a copy of a copy, but that is a very subtle difference that might not even register with many people.
I find arguments for both side and of course digital and analog should exist side by side. The market will ultimately decide the direction photography moves in, but the market is composed of our own individual choices.

 
Personally I enjoy shooting with analog cameras and love the thrill of discovery and not knowing exactly what you will get, but concerning paid work I will continue to use digital, simply because it is easier to satisfy the demands of the people you work for and because almost the entire professional machinery is set up for digital over analog.


Some unfinished thoughts about change and tradition

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I find myself wondering about vanishing traditions and disappearing cultures every so often…one of my larger scale projects, Terranigma, deals with exactly this. But one does not have to go very far to see old and used to things disappearing in favour of new, shiny, glossy and comfortless elements. I’m simply wondering about how unwilling we often are to integrate new traditions into established worldviews…on a microscopic as well as a macroscopic scale.

Tradition, time honoured traditions have something solid, something absolutely not worrisome. They have stood the test of time, they aren’t shakey…and we live in a time when pretty much everything seems to be on very shakey ground. Tradition appeals to the security seeker and if we speak about vanishing traditions or willfully set out to change traditions, we upset this sense of security.

Suddenly the I, lonely naked I becomes concerned about its own vulnerability. No security, no fallback plans? Burn those heretics of the new and change-y!

A muddled sense of nostalgia seems so much better. The old is not yet gone, we feel it slipping, but it’s still there if we reach out far enough…

But we need to integrate new elements, pretty much constantly. As a society and as individuals. I do believe that as longs as we look with nostalgia and sadness at everything that disappears and look for blame and cause, reason and rescue, we are not inside of time, but very much outside of it. Some elements of traditions disappear, some travel along, some get reintegrated and used in different forms and combinations.

We are constantly evolving, constantly engaged with both our past and future. This is unavoidable as long as we live and breathe and it is not at all dramatic. We all do it, constantly. To look for purity or one fixed point where everything was perfect is to try to hammer a nail into a rapidly spinning globe.

Ultimately, change is just time made visible and while each of us has a very personal point where our time ends, change and newly formed elements and traditions will be ongoing. Lonely, naked I does not have to wear old clothes for fear of standing naked in the future.


Bildanalyse - James Nachtwey, Kabul, Afghanistan

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Eine Bildanalyse ist interessant und wichtig für Fotografien, weil man feststellt, wie viele Elemente ein gutes Bild hat und wie wenige davon man bewusst wahrnimmt. Je mehr man beginnt über solche, augenscheinlich unwichtige, Details nachzudenken, dest stärker fließen diese Fragen und Möglichkeiten ins eigene Denken und Schaffen ein.

Bei einer Bildanalyse stellt man sich immer zuerst einmal die Frage: Was macht die Wirksamkeit des Bildes aus?

Was ist das Gefühl? Eine skurrile Form des Alltages? Gegensätzlichkeit? Unsicherheit? Gleichgültigkeit? Humor? Verspieltheit? Gefahr?

Es schwingen hier eine Vielzahl von Gefühlen und Eindrücken mit.

Der visuelle Aufbau und die Komposition des Bildes ist exzellent. Vordergrund, Mittelgrund und Hintergrund sind klar definiert, überschneiden sich teilweise sogar, und tragen alle auf ihre Art zur Geschichte des gesamten Bildes bei.

Der Vordergrund und das dominante visuelle Element sind die Beine der beiden Jungen, die vom Panzerrohr baumeln. Sie wirken ominös und verspielt. Die Kampfhandlungen sind vorbei, aber der Panzer ist immer noch hier. Man kann darauf spielen, aber er könnte jederzeit wieder losfeuern.

Die Frau in der Sonne stellt den Mittelgrund dar und verankert das Bild. Wir versetzen und am Ehesten in ihre Rolle, weil wir ihr Gesicht sehen können. Sie wirkt zugänglich. Der Schatten des Panzerrohrs und der Beine fällt auf sie – das dient zum einen als ein interessantes visuelles Element, das Vordergrund und Mittelgrund miteinander verbindet, ist aber auch Teil der ominösen visuellen Sprache. Der Panzer – Zerstörung – ist in ihre Welt eingedrungen, wirft buchstäblich Finsternis auf sie.

Der Hintergrund ist wieder zweideutig. Die Menschen auf den Rädern und zu Fuß scheinen ihrem Leben nachzugehen, ganz ohne Drama und Spannung, aber die Häuser hinter ihnen sind Ruinen, komplett zerstört.

Alles kommt wieder zusammen in einer sehr bedrückenden Balance.

Nachtweys Absicht ist eine klare Geschichte zu vermitteln. Klar in der visuellen Sprache, komplex in der emotionalen Reaktion.

 


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